Sonntag, Januar 17, 2016

Warum ich die Luminale Lesung 2016 in der Explora abgesagt habe


Ein offener Brief – Frankfurt, 17. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Stief,

nach Ihrer Äußerung über Twitter hatte ich Ihnen bereits per Facebook in einer privaten Nachricht mitgeteilt, dass ich die für den 17. März 2016 geplante Lesung in der Explora absage. Wobei ich doch ein oder zwei Tage gehofft hatte, dass Sie sich für Ihre diskriminierende Äußerung – die ich jetzt nicht im Wortlaut wiederhole, da sie ja für alle Zeiten im Netz steht – entschuldigen würden.

Ich habe auf meiner Facebook-Seite ja auch schon Erfahrungen mit Meinungsäußerungen von Ihnen gemacht. Und Ihre Beiträge gelöscht, wenn ich der Meinung war, dass Sie sich im Ton vergriffen haben. Sie haben mir einmal geschrieben, ich müsste das als Meinungsfreiheit aushalten. Das kann ich durchaus. Solange Meinungsfreiheit nicht mit Beleidigung verwechselt wird. Ansonsten betrachte ich meine private Facebook-Seite als eine Art „virtueller Garten“, wo man – wie im realen Leben am Gartenzaun mit den Nachbarn – über dies und das plaudert. Ich verwahre mich allerdings strikt dagegen, „geistigen Müll“ über die Hecke geschmissen zu bekommen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wobei ich mich nicht zu den Menschen zähle, die bei pointierten Bemerkungen gleich die ganz dicke Rassismus- oder Faschismuskeule rausholen. Aber, mich hat an Ihrem Tweet gestört, wie plump Sie sich im Ton vergriffen haben.

Was ist los mit Ihnen? Es ist nicht richtig, Menschen, die durch Flucht oder Vertreibung hier in Deutschland in einer Art „Wartesaal des Schicksals“ gestrandet sind, pauschal so heftig zu beleidigen. Die große Mehrheit hat sich die Nummer hier in Deutschland doch nicht ausgesucht. Und was Flucht und Vertreibung bedeutet, wissen Sie doch viel besser als die meisten. Und das nicht nur, weil Ihre „Explora“ nach dem Zweiten Weltkrieg von der Stadt Frankfurt bis unters Dach mit Flüchtlingen belegt wurde. Wir haben uns während der Entstehung von „Tod im Licht der Luminale“ ja immer mal wieder über unsere spezielle deutsche Geschichte unterhalten. Und ja, ich fand es spannend, in dem ehemaligen Luftschutzbunker Lesungen zu organisieren. Denn der Reiz meines Luminale-Krimis liegt ja auch darin, dass man sich direkt am „Tatort“ – zwischen visuellen Phänomenen und optischen Täuschungen – prima in die handelnden Personen hineinversetzen kann. Weil der Bunker einen Rückblick in die deutsche Geschichte durch seinen Bau quasi erzwingt. Und wer freut sich nicht über interessante Lesungen an ungewöhnlichen Orten? Der Kurator der Luminale 2016 hatte mir übrigens nach meiner Absage ganz unbürokratisch einen anderen Ort als Ersatz für meine Luminale-Lesung angeboten. Das empfand ich als sehr noble Geste.

Die ich aber nach kurzer Überlegung ausgeschlagen habe. Weil mich Ihre Provokation doch tiefer verletzt hat als vermutet. Erst mit einigen Tagen Abstand und dem Formulieren dieser Zeilen ist mir klarer geworden, warum es richtig war, die Lesung zur Luminale 2016 abzusagen.

Es hat viel damit zu tun, dass ich seit knapp einem halben Jahr ehrenamtlich Flüchtlinge im Projekt „Herzlich Ankommen“ der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt betreue. Diese Form der Willkommenskultur besteht aus ziemlich unspektakulären Aufgaben, wie Interessierte zu Sportveranstaltungen begleiten, Veranstaltungen wie Flohmarkt oder Ausflüge zu organisieren, beim Café International Essen mitzubringen oder einfach für Alltagsfragen Ansprechpartner zu sein und Kontakt zu halten. Also keine große Sache, im Schnitt 2-3 Stunden pro Woche, verbunden mit der Motivation, nach der riesen „La Ola“-Welle am Hauptbahnhof ein bisschen helfen zu wollen. Vielleicht auch, weil meine bereits verstorbene Großmutter 1945 unter dramatischen Bedingungen in einem der letzten Züge aus Schlesien geflüchtet ist und im tiefsten Rheinland-Pfalz in den fünfziger Jahren komplett neu anfangen musste. Von ihrem Bruder weiß ich, wie hart das für sie war – und damals sprachen alle Beteiligten die deutsche Sprache.

Seit der Zusendung eines erweiterten Führungszeugnisses (ein putziges Kapitel deutsche Bürokratie, aber das erzähle ich bei anderer Gelegenheit) bin ich mit Menschen konfrontiert, die hier in Deutschland einen Neuanfang versuchen wollen. Oder müssen. Weil zuhause Krieg ist. Oder Diktatur. Mir hat es die Sprache verschlagen, als mir eine Frau erzählt, dass sie in Deutschland hofft, beim Putzen nicht mehr geschlagen zu werden. Und dass ein Flüchtling schwimmen lernen will, weil er beim nächsten Mal, wenn er wieder auf „so ein Boot muss“, schwimmen können will. Wobei mir bei dem Thema eine weitere Episode aus dem Rebstockbad einfällt. Dort absolvieren nämlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Frankfurter Bäderbetriebe (überwiegend Migranten) den Höllenjob der Integration in die deutsche Badekultur. Ist mir aber lieber, die jungen Menschen machen Sport – statt an der Düsseldorfer Straße hinterm Hauptbahnhof aus Langeweile in den Ameisenhandel eingewiesen zu werden – bis sie einen Termin bekommen, um ihren Asylantrag beim BAMF stellen zu dürfen. Aber wie schrieb jemand so passend dazu auf Facebook: „Der Trick ist, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit auf die Welt zu kommen. Wenn man das verbockt, wird´s mühsam.“

Wofür ich mittlerweile kein Verständnis mehr habe, sind die Wohlmeinenden und Besorgten, die mir vorjammern, dass eine Million Flüchtlinge hier in Deutschland die 80 Millionen Bürgerinnen und Bürger überfordert. Mit einer einfachen Rechenaufgabe („Wenn ich mich nur um einen Einzigen der 1 Million Flüchtlinge kümmere, dann kannst du dich mit 78 Freunden und Kollegen entspannt zurücklehnen“) kann man den ein oder anderen zum Nachdenken anregen. Aber irgendwie werden es immer mehr, die in die Kakophonie einstimmen, dass das alles viel zu viel ist. Mag sein, dass die zuständigen Behörden und die Ehrenamtlichen die Integration so vieler Menschen in diesem rasanten Tempo nicht über mehrere Jahre hinweg stemmen werden. Aber sind wir mal ehrlich, für das Jahr 2015 ist die Aufgabe zu schaffen.

Interessant finde ich übrigens auch die Debatten in Netz, wenn selbsternannte Experten mir vorrechnen, was uns die Flüchtlinge kosten. Ich bin sicher, solange sich Deutschland – nach den USA, Russland und China – mit Frankreich um Platz 4 der größten Waffenexporteure der Welt balgt, solange wird es Flüchtlinge geben, die Deutschland etwas kosten. Im ersten Halbjahr 2015 hat das Bundeswirtschaftsministerium übrigens Rüstungsexporte in Höhe von 3,5 Milliarden Euro erteilt. Ich bin sicher, dass in den Gewinnen die 143 Euro, die ein erwachsener Flüchtling pro Monat als Taschengeld erhält, um an unserem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, bereits inkludiert sind.

Apropos 143 Euro Taschengeld, davon bezahlen viele Flüchtlinge freiwillig Deutschkurse und Bücher. Denn einen Anspruch auf einen bezahlten Integrationskurs haben sie erst nach ihrer Anerkennung. Was aber beim BAMF momentan bis zu zwei Jahren dauern kann. Wenn es nach mir ginge (tut es aber nicht, keine Sorge), dann würde ich nicht nur schulpflichtige Kindern, sondern alle Flüchtlinge eine Woche nach ihrer Ankunft verpflichten, kostenfreie Deutschkurse zu besuchen. Spricht im Prinzip ja nichts dagegen, sich in einem Aufnahmelager ein paar Monate sinnvoll zu beschäftigen, bis der eigene Status geklärt ist, oder? Ich hätte noch mehr Ideen, Stichwort Integrationsberatung oder Integrationspraktika. Wenn einige Flüchtlinge nach dieser Erfahrung wieder in ihre Heimat zurück wollen, weil sie sich das Leben in Deutschland ganz anders vorgestellt haben, auch gut. Nur … man muss mit diesen Menschen reden, damit sie sich keine falschen Vorstellungen von unserer Kultur machen.

Was dagegen gar nicht geht, ist diese Menschen pauschal zu verunglimpfen. Kennen Sie die Twitterperle? Dort schrieb jemand vergangene Woche: „Wer sich im Geschichtsunterricht gefragt hat, wie man in den 1930ern in kurzer Zeit so viel Hass säen konnte, kann nun live zuschauen.“ Die „Explora“ steht für mich für ein Stück deutsche Vergangenheit, dass ich überwunden geglaubt hatte. Deshalb verstehe ich nicht, wie Sie das, was Sie mit Ihrer Kunst in diesem Bunker aufgebaut haben, jetzt wegwerfen und kaputtmachen.

Vielleicht haben Sie das Gefühl, Sie reiten mit Ihren Äußerungen auf einer Welle des Zeitgeists. Dann muss das aber noch lange nicht richtig sein. Zumindest ich brauche das nicht nochmal. Vielleicht nutzen Sie die nächsten Tage, um nochmal drüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Petra Tursky-Hartmann