Sonntag, November 16, 2014

Das "Feld des Jammers" (Bretzenheim/Nahe)


Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann

FELD DES JAMMERS von Petra Tursky-Hartmann

Nach über einem Jahr des Wartens kam Mitte Oktober 2014 endlich Post von der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“, kurz „WASt“. Seit ich den Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ gesehen habe, interessiert es mich, was meine Großeltern im „Dritten Reich“ getan haben. Klingt vielleicht seltsam, aber als ich den Brief in meinen Händen halte, fühlt es sich an wie ein verschollen geglaubtes Steinchen aus meinem Lebensmosaik.

© Peter Wilhelm Riedle (1904-1968)
Mein Opa hieß Peter Wilhelm Riedle, wurde 1904 geboren und hatte die Feldpostnummer L 29692. Eingezogen war er zur Luftwaffen-Bau-Kompanie und als Unteroffizier im „Luftgau XII“ tätig. „Beachten Sie bitte, dass die deutsche Luftwaffe – im Gegensatz zu den sonstigen Einheiten der Wehrmacht – nicht alle Versetzungen und Veränderungen gemeldet hat“, steht am Ende des zweiseitigen Schriftstücks der WASt, wo sich Orte wie Hamburg, Kirchberg, Paris, Wiesbaden-Erbenheim, Finow/Mark, die Lazarettschiffe Meteor und Fasan, dann Oslo und Bukarest aneinanderreihen. In Oldenswort endet der militärische Lebenslauf meines Großvaters, als er 1945 in britische Kriegsgefangenschaft geriet.

© Peter Wilhelm Riedle mit seiner Astoria 350 (1931)
Der in formal korrekter Amtssprache gehaltene Brief hat so wenig zu tun mit dem, was ich mit dem gutmütigen, leisen, aufmerksamen Menschen verbinde, der einmal mein Großvater gewesen ist. Vor dem Ersten Weltkrieg, noch in der Kaiserzeit in Roxheim bei Bad Kreuznach geboren, hat er während der Weimarer Republik mit großer Leidenschaft Baustatik am Rheinischen Technikum in Bingen studiert. Finanziert von seinem Vater Peter Riedle, meinem Urgroßvater und gestrengen Familienpatriarchen, um den sich Anfang der Sechzigerjahre der gesamte Kosmos unseres vielköpfigen Familienlebens mütterlicherseits drehte. Der alte Herr war Bauunternehmer in Bad Kreuznach gewesen und hatte seinem Sohn den Berufswunsch, Prüfingenieur zu werden, erfüllt. Glückliche Menschen, denke ich immer wieder, wo Beruf und Berufung zusammenfallen. Die exakte Berechnung der Standsicherheit von Anlagen, Brücken und Bauwerken hat meinen Opa immens angetrieben.

1964 in Bingen am Rhein © Peter Wilhelm Riedle
Als Kind genoss ich das Privileg, ihn nahezu täglich nach dem Kindergarten oder der Schule auf „unsere“ Baustellen begleiten zu dürfen. Ausfahrten mit ihm betrachtete ich als gemeinsame Arbeitstermine. Und konnte deshalb wohl hautnah die Faszination, die Zeichnungen und Zahlen auf ihn ausübten, miterleben. Wobei mir persönlich die Abnahme von Kirmesfahrgeschäften, sogenannte Fliegende Bauten, im Auftrag des TÜV zugegebenermaßen am besten gefiel, weil dieser „Job“ immer mit Freifahrten auf nostalgisch anmutenden Doppelstockkarussells mit wunderschön bemalten Holzpferden und dem wohlwollenden Grinsen von sogenannten Schiffschaukelbremsern einherging. Ausgestattet mit Zuckerwatte und der ein oder anderen guten Flasche Nahewein, traten der Opa und ich an solchen Tagen dann sehr beschwingt die Heimfahrt an.

Kriegsgefangenenlager Bretzenheim/Nahe 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Und immer mal wieder passierte es an solchen Tagen, wenn wir mit seinem Auto in unsere Hofeinfahrt einbogen, dass dort wildfremde Menschen am Zaun standen. Meist grüßten diese Männer kurz und verschwanden dann wortlos. Manchmal wanderte ihr Blick verkniffen suchend über unseren Garten Richtung Hühnerfarm. Manchmal wischte sich der ein oder andere verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Und einige wenige überwältigte die Situation und machte sie total fassungslos. Gelegentlich fragte uns einer dieser Männer über die von der Oma akkurat gestutzte Ligusterhecke, ob wir uns an das Lager erinnern könnten? Mein Opa nickte dann. Ja, sicher konnte er. Irgendwie jeder in unserem Dorf konnte das. Wobei die Leute in Bretzenheim nicht wirklich gerne darüber redeten. Bis Fips 1964 zurückkam, ein schlichtes Holzkreuz am Rand der B 48 zwischen Bretzenheim und Bad Kreuznach in den Acker schlug und die Vergangenheit so, als ob sie nie wirklich vergangen gewesen sei, mit Macht in die Gegenwart zurückdrängte.

24 "Cages" des Lagers Bretzenheim im April 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Das Holzkreuz stand an der Stelle, wo im April 1945 amerikanische Streitkräfte begonnen hatten, 200 Hektar Land zwischen Bretzenheim, Winzenheim und Bad Kreuznach mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun einzuzäunen. Anschließend unterteilten sie die Weizenfelder und Zuckerrübenäcker in 24 sogenannte Cages und belegten diese „Käfige“ mit deutschen Kriegsgefangenen.

Weibliche Gefangene im Lager Bretzenheim 1945 -
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, zählte das sogenannte Rheinwiesenlager Bretzenheim der „Prisoner of War Transient Enclosures“ (PWTE) bereits über 100.000 Gefangene. „Da saßen die Frauen“, sagte meine Mutter einmal und deutete auf den großen Kirschbaum, dessen Äste aus unserem Garten in das direkt angrenzende Lager ragten.

1962 im Garten meiner Großeltern © Peter Wilhelm Riedle
Am 10. Juli 1945 übernahmen die französischen Streitkräfte dann das Camp von den amerikanischen Soldaten, und Major Shesnell bezog als Kommandant das Haus meiner Großeltern. Als sich am 31. Dezember 1948 die Tore des Kriegsgefangenenlagers für immer schlossen, blieb mitten in den Äckern ein zerfallenes Schwimmbecken zurück, in dem wir uns mit den Kindern unserer Straße zum Spielen verabredeten. Warum es ein Becken ohne Wasser inmitten eines riesigen Weizenfeldes gab, darüber hüllte sich unser Dorf in tiefes Schweigen.


Quick, 1959 "Die Hölle hiess Kreuznach"
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Fips hieß eigentlich Fritz Schuler und war von Beruf Schauspieler gewesen – schon lange bevor er als „Fypsilon“ im Bretzenheimer Kriegsgefangenenlager mit der Schauspielgruppe „Die Optimisten“ auftrat. Er sollte einer der wenigen sein, die bis zum letzten Tag inhaftiert blieben, weil – so die Vermutung der amerikanischen und französischen Besatzer – Künstler im Nationalsozialismus nur mit einem „Ariernachweis“ haben auftreten dürfen. Und somit das System mittels Schauspielkunst aus echter Überzeugung stabilisiert hätten.


Ankündigungsplakat "Die Optimisten" 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Den Nachweis einer „rein arischen Abstammung“ hatte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, ab 1933 übrigens zwingend für alle Beamten, den gesamten öffentlichen Dienst, für Ärzte, Juristen und Wissenschaftler vorgeschrieben. Gleiches galt für Künstler und Mitglieder in Berufsverbänden. Also auch für Architekten und Prüfstatiker. „Das ist noch nicht mal das Papier wert, auf dem es geschrieben steht“, hatte mein Opa meine Frage, was das sei, mit abwertender Handbewegung weggewischt, als ich die grüne Kladde mit zahllosen Abschriften von Urkunden aus Stamm- und Taufbüchern aus Bad Kreuznach, Burgsinn, Frankfurt am Main und Köln-Ehrenfeld neugierig aus seinem Tresor gefischt hatte. „Der Didi hat das nicht zusammenbekommen. Damit war für mich das Dritte Reich erledigt.“ Er versuchte, die Sache einfach zu bagatellisieren, doch an den großen weiß-grauen Zigarrenkringeln, die er sichtlich erregt in die Luft paffte, konnte ich recht gut ablesen, dass die Sache in keinster Weise erledigt war. „Solche Papiere sagen rein gar nichts über einen Menschen“, hat er mir mit strengem Blick durch die dicken Gläser seiner Brille eingeschärft und dann die Akte mit tief gerunzelter Stirn unter einem dicken Stapel Blaupausen vergraben. „Nichtarier“ waren ab 1933 mit einem Berufsverbot belegt worden. Was im Nationalsozialismus fast einem Todesurteil gleichkam.


Peter "Didi" Dietrich - Wasserkuppe Segelflug-WM 1937
© Peter Wilhelm Riedle
Didi hieß eigentlich Peter Dietrich und war der beste Freund meines Großvaters gewesen. Gemeinsam hatten sie während der Weimarer Republik die Leidenschaft für den noch jungen Luftsport geteilt. Mein Großvater hatte bereits während seines Studiums die „Akaflieger“ kennengelernt und war seitdem der Faszination des Segelfliegens erlegen.

Segelflug-WM 1937 - Rhön, Wasserkuppe
© Peter Wilhelm Riedle

Als die „Minimoa“ und der „Rhönsperber“ mit ihren charakteristischen Knickflügeln über die Fachpresse hinaus in den damaligen Medien Furore machten, pilgerten die beiden Freunde im Juli 1937 mit meiner fünfjährigen Mutter im Schlepptau zur ersten Segelflug-Weltmeisterschaft auf die Wasserkuppe. Und erlebten live, wie Heini Dittmar seine fliegerische Laufbahn als Segelflugweltmeister krönte.

Heini Dittmar und Hanna Reitsch, Wasserkuppe 1937
© Peter Wilhelm Riedle

Seine persönlichen Eindrücke von solchen Ausflügen hat mein Großvater mit seiner Leica kontinuierlich auf Zelluloid gebannt. Ja, er liebte es, zu fotografieren. Nach dem Tod meiner Oma habe ich in ihrem Nachlass sein Fotoalbum von 1931 gefunden, wo die beiden mit seiner Astoria bis Berlin gefahren waren. Ein undatiertes Foto in diesem Album zeigt die 245 Meter lange „Hindenburg“ über dem Haus meiner Großeltern in Bretzenheim. Wobei ich mich gefragt habe, wie sie den 6. Mai 1937 am Radio erlebten, als die „LZ 129“ in Lakehurst in einem Feuerball explodierte? Kann man es mit dem 11. September 2001 vergleichen, der sich mit dem Anschlag auf das World Trade Center in mein Gedächtnis eingebrannt hat? Und welche Ereignisse und Katastrophen bleiben überhaupt individuell und kollektiv im Gedächtnis von Menschen haften?


"Hindenburg" über dem Haus meiner Großeltern © Peter Wilhelm Riedle


Es sollte nicht beim Holzkreuz von Fips und einem Kranz am Rande des Ackers bleiben. Gemeinsam mit Max Dellmann, dem evangelischen Pfarrer von Bretzenheim, gründete Fritz Schuler das „Kuratorium Mahnmal“. Dann fragten sie meinen Großvater, ob er das Projekt unterstützen wolle. Denn das schlichte Kreuz sollte einer würdigeren Gedenkstätte weichen.



Mit Anna Kubach-Wilmsen 2010 im Steinskulpturenmuseum der Fondation
Kubach-Wilmsen in Bad Münster am Stein © Petra Tursky-Hartmann


Als im September 1965 das junge Bildhauer-Ehepaar Kubach-Wilmsen seinen Entwurf für das „Feld des Jammers“ präsentierte, war die Entscheidung gefallen. Mein Großvater war von dem Entwurf begeistert, griffen doch die Seitenwände der Gedenkstätte die zahllosen Erdlöcher auf, in die sich 1945 Zigtausende Kriegsgefangene aus Schutz vor Hitze und Regen eingegraben hatten.

Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann

Das neun Meter hohe Kreuz in der Mitte sollte eine Dornenkrone tragen. Zur Erinnerung, dass das Lager komplett von Stacheldraht eingezäunt gewesen war. Im Juli 1966 hatte mein Opa die statische Prüfung des Mahnmals abgeschlossen. Nach seinen Berechnungen war die Standsicherheit des Kreuzes bei nahezu allen Windstärken gewährleistet.


Statische Berechnung des Mahnmals 1966
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

In zwei Jahren, am 2. Oktober 2016 wird das Mahnmal dann fünfzig Jahre unverrückt zwischen Bretzenheim und Bad Kreuznach stehen. Es sollte der Welt zeigen, „dass Ehrfurcht und Leiden stärker sind als Hass“, hatte Dr. Severin für die Landesregierung von Rheinland-Pfalz den mehr als 1.000 Gästen bei der Einweihung am 2. Oktober 1966 mit auf den Weg gegeben. Und Max Dellmann, der ehemalige Lagerpfarrer, hatte sich in seiner Laudatio bei seinen Mitstreitern im Kuratorium mit einer sehr bewegenden Rede bedankt.



Berichterstattung Öffentlicher Anzeiger 1966
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

Die ehrenamtliche Mitarbeit war für meinen Großvater mehr als eine rein prüfstatische Aufgabe, die es zu lösen galt. Es war sein Weg – eineinhalb Jahre vor seinem viel zu frühen Tod –, an diesem Ort Verantwortung für dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu übernehmen. Wobei seine Gedanken über den Berechnungen und Zeichnungen immer wieder zu Didi, seinem Freund, der als sterbender Krüppel zurückgekehrt war, abgeschweift sind.


© Peter Wilhelm Riedle 1939

Wenn heute an Volkstrauertagen nun Neonazis am „Feld des Jammers“ aufmarschieren und sich auf die im Grundgesetz verbriefte Meinungsfreiheit berufen, um ihr rassistisches Gedankengut wieder aufleben zu lassen, dann haben sie die Intention der Mitglieder des Mahnmal-Kuratoriums nicht verstanden. Ja, die Rheinwiesenlager am Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland waren Gefangenenlager der USA, von Großbritannien und Frankreich. Wobei auf die Mehrzahl der deutschen Soldaten der völkerrechtlich nicht definierte Status DEF (Entwaffnete feindliche Streitkräfte) angewendet wurde. Und es leugnet auch niemand, dass die Ernährung und die hygienischen Verhältnisse in den offenen Erdlöchern auf den verschlammten Wiesen, wo die Gefangenen mangels Baracken unter freiem Himmel kampierten, schlecht bis katastrophal war.


Kriegsgefangenenlager Bretzenheim - Zeichnung 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

Aber zur Wahrheit des Kriegsgefangenenlagers Bretzenheim gehört eben nicht nur das Leiden und Sterben der hier inhaftierten Soldaten. Sondern auch der gesamte geschichtliche Kontext, aus dem heraus es überhaupt zu diesen Kriegsgefangenenlagern gekommen ist. Deshalb muss man solchen „Verirrten“ (um es höflich zu formulieren), die unter dem Vorwand der „Totenehrung“ den Nationalsozialismus glorifizieren, entschieden entgegentreten. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Und deshalb ist am „Feld des Jammers“ kein Platz für Neo- oder Alt-Nazis, rassistisches oder rechtsextremes Gedankengut. 

Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann