Dienstag, Februar 12, 2019

Keine besten Freunde – aber gut Geschichten sind gefragt

Volles Haus in der Evangelischen Akademie 

Text: Nikolaus Münster

Eine gemeinsame Veranstaltung des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher (LV Hessen) und des FPC

„Wenn ein Pressesprecher mein bester Freund ist, kann ich über das Unternehmen nicht mehr schreiben, weil ich dann befangen bin.“ Mit dieser klaren Aussage beantwortete Carsten Knop, Online Chefredakteur der FAZ, die im Titel der Veranstaltung gestellte Frage: Pressesprecher und Journalisten – Beste Freunde? PR-Mann Dominik Kuhn von der Nordsee-Zeitung sah die Funktion der Pressesprecher vor allem im „punktgenauen Bedienen“ der Journalisten. Beide Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass eine persönliche Beziehung über den Beruf hinaus durchaus nützlich sei, schließlich gehe es auch um Vertrauen.

Gemeinsam hatte der Bundesverband der deutschen Pressesprecher (BdP) und der Frankfurter Presseclub zur Diskussion über das Verhältnis zwischen Journalisten und Pressesprechern geladen. Dass es genug Anlass dafür gibt, hatten sowohl der große Andrang an dem Abend als auch schon im Vorfeld die Ergebnisse einer Umfrage gezeigt: Über das schlichte Handwerkszeug gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Während die Pressemeldung sich bei den Pressesprechern großer Beliebtheit erfreut, bevorzugen Journalisten eindeutig das direkte Gespräch mit den Pressesprechern oder noch besser mit den Entscheidern. Auch die gegenseitige Einschätzung divergiert erheblich. Pressesprecher halten Journalisten für deutlich glaubwürdiger als umgekehrt.

Einig waren sich die Gesprächspartner darin, dass das Erzählen von Geschichten für beide Seiten gut funktioniere. Für Journalisten sei es nicht ergiebig, wenn Vorstandsvorsitzende auf den Pressekonferenzen zu den Quartalsberichten trockene Zahlen vortrügen. Die Journalisten wollten lebendige Einblicke in das Unternehmen. Aus diesem Grund habe AP die Berichterstattung über die Quartalsresultate der Unternehmen auch inzwischen weitgehend automatisiert. Sein eigenes Talent für das Erzählen von Geschichten stellte Kuhn am eignen Beispiel unter Beweis: dieses Jahr falle sein 50. Geburtstag auf das Wochenende des Frankfurt Marathons.

Kontrovers betrachteten die Protagonisten das Einschalten von Krisenkommunikatoren. Knop sah es sehr kritisch, dass sich dann zwischen Unternehmensleitung und Pressesprecher auf der einen Seite und Journalisten auf der anderen Seite noch ein dritter Akteur dazwischenschalte und den direkten Kontakt noch erschwere. Kuhn dagegen gab zu bedenken, dass nicht jeder Pressesprecher Erfahrungen mit den Besonderheiten einer Krise habe und dann sei professionelle Hilfe sehr nützlich. Allerdings fände die beste Krisenkommunikation im Vorfeld statt, wenn langfristig ein Vertrauensverhältnis zu den entsprechenden Medien aufgebaut werde.

Der von Corina S. Socaciu moderierte Abend machte deutlich, dass es einen erheblichen Bedarf am direkten Gespräch zwischen Pressesprechern und Entscheidern auf der einen Seite und den Journalisten auf der anderen Seite gibt. U.a. bedauerte Knop, dass sich etwa ein Drittel der Dax-Vorstände noch nie um einen Kontakt zur FAZ bemüht habe. Sicher sei es auch hilfreich, wenn die Redakteure besser über die Arbeitsweise der Pressesprecher bescheid wüßten. Aber vielleicht war es auch bezeichnend, dass die Veranstaltung bei den Pressesprechern auf deutlich mehr Resonanz gestoßen ist als bei den Journalisten. BdP und FPC werden den Gesprächsfaden sicherlich weiter knüpfen.

Montag, Februar 11, 2019

Prag und die Geschichte vom Mann mit dem Pferd


Text: Petra Tursky-Hartmann
Fotos: Petra Tursky-Hartmann, Stephan Wiesner, Wikipedia, NARA, Bundesarchiv (Bild 183-L22898, Bulgarien, Generaloberst Ferdinand Schörner), Karten www.wehrmacht-forum.de 

Es riecht so wunderbar nach Weihnachten, nach heißen Maronen, leckerer Bratwurst und verzuckerten Trdelníks. Dabei hat das Jahr 2019 längst begonnen. In den hell erleuchteten Schaufenstern von Prag funkeln Granatschmuck, Kristallgläser und goldverzierte Karaffen aus böhmischem Glas mit den lichtergeschmückten Bäumen auf der Straße um die Wette.


Kalte Schneeflocken zerschmelzen auf Nase und Wangen, und ich genieße den Charme meines kleinen privaten Wintermärchens. Auch wenn ich erst mal ungebremst in einen Eimer Splitt schlittere, den drei eingemummelte Frauen in orangefarbenen Warnwesten vor dem vereisten Zebrastreifen abgestellt haben.


Dem heiligen Wenzel vor dem hell erleuchteten Nationalmuseum scheint das turbulente Schneegestöber offensichtlich nichts auszumachen. Im Gegensatz zu den flackernden Windlichtern vor den Hufen seines Rosses, die gegen die stürmischen Windböen chancenlos sind. Der Landespatron der Tschechen hat hier oben einen unverstellten Blick auf die Prager Innenstadt und auf die Zeitläufte. Denn vom Denkmal des friedliebenden Fürsten sind bereits etliche Demonstrationen ausgegangen, 1945 gegen die Nationalsozialisten, 1968 gegen die russischen Panzer. Und im November 1989 die „Samtene Revolution“, die Freiheit und Demokratie einforderte.


Nur einen Steinwurf entfernt, in der Lucerna-Passage, sitzt ein zweiter Wenzel direkt unter der lichtdurchfluteten Kuppel auf dem Bauch eines an den Hufen aufgehängten toten Pferdes. Was die Skulptur des tschechischen Bildhauers David Černý irgendwie surreal wirken lässt. Aber was ist in Zeiten von Fake News noch real? Meine Gedanken schweifen ab zu Bernhard, dem älteren Bruder meiner Großmutter Wally. Er hat, wie sein Vater, der im Ersten Weltkrieg Kurassier in einem Husarenregiment war, Pferde geliebt. Doch der 1914 in Ober Salzbrunn geborene Oberfeldwebel der 2. Fahr-Ersatz-Abteilung 3, eines in Fürstenwalde stationierten Kavallerie-Regiments der Wehrmacht, gilt bis heute als vermisst. Die letzte Nachricht, so der Suchdienst vom Deutschen Roten Kreuz, stamme laut seinem Vater vom März 1945 aus Prag.


Was ich seit der Zusendung der Vermisstenbildliste vom 337. Grenadier Ersatz- und Ausbildungsbataillon bezweifle. Laut „Forum der Wehrmacht“ ist Bernhard Wiesners letzte Einheit im Dezember 1943 ins Tiborlager nach Schwiebus verlegt und im Februar 1944 aufgelöst worden. Alle mit meinem Großonkel auf der Karte abgebildeten Soldaten sind seitdem verschollen. Und ich frage mich, wie viele Spuren sich 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch finden lassen? In den aus Moskau übermittelten Daten der in den Lagern der ehemaligen Sowjetunion verstorbenen Kriegsgefangenen ist er bis heute nicht gelistet. Die einzigen Fakten hat eigentlich nur das Amtsgericht Hannover geschaffen und Bernhard 1950 auf Antrag seiner Frau Hilde für tot erklärt.


Neben einem ausrangierten Straßenbahnwaggon suche ich Schutz vor dem eisigen Wind, der sich unbarmherzig wie fiese Nadelstiche in Hände und Gesicht bohrt. Am Bauzaun gegenüber sind historische Fotos von Adolf Hitler und der deutschen Wehrmacht angeklebt. Laut Wikipedia ist den Nationalsozialisten 1939 durch den Einmarsch in die Tschechoslowakei auch die Ausrüstung von vierzig tschechischen Divisionen in die Hände gefallen. Es war der Auftakt für ihren erbarmungslosen Feldzug kreuz und quer durch Europa.


Vor mir hält die Straßenbahnlinie 5 nach „Barrandov“, das sogenannte Hollywood des Ostens. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ bzw. „Mission Impossible“ sind hier produziert worden. Aber auch Spielfilme wie „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers. Denn um der Bombardierung Hamburgs zu entgehen, ist die Produktion 1944 von der Elbe an die Moldau verlegt worden. Was problemlos möglich war, da die deutschen Besatzer die Barrandov-Studios „arisiert“ und in Prag-Film AG umbenannt hatten. „Es fing so harmlos an“ heißt einer der vielen „Heile-Welt-Filme“, in denen auch der Onkel meiner Oma, Arthur Wiesner, ab 1941 als Schauspieler mitgewirkt hat.


Als wir uns um elf mit einer kleinen Gruppe um Vladimir am Regenschirm der „Profis mit Lizenz“ zur Altstadtführung scharen, hat es aufgehört zu schneien. Neben der Büste des ehemaligen Rektors der renommierten Karls-Universität Ernst Mach berichtet unser Stadtführer von seiner eigenen Studienzeit, die er offensichtlich sehr genossen hat. Politiker sollten Latein studieren, lächelt der ältere Herr verschmitzt. Denn die lateinische Sprache sei dahin gehend hilfreich, sowohl das Denken als auch die Sprache zu strukturieren.


Zum Einstieg in die wechselvolle Prager Geschichte deutet unser Stadtführer nicht ohne Stolz auf das barocke Ständetheater, wo Mozart 1787 „Don Giovanni“ uraufgeführt hat. Dann geht es quer durch die Stadt zum „Café Montmartre“. Hier hat sich im vergangenen Jahrhundert die Prager Boheme getroffen, um mit herzhaftem Essen und frisch gebrautem Bier die Nächte durchzufeiern. Mir ist der kreative Lebenswandel im vorveganen Jahrhundert durchaus sympathisch, und ich blinzele vergnügt in die ersten Sonnenstrahlen, die sich durch die tief hängenden Wolken zu uns auf der Erde durchkämpfen. „Nicht nur die Altstadt, auch das kulinarische Angebot von Prag ist immer eine Reise wert“, schwärmt Vladimir. Dass die böhmische Nationalküche sein Herz höherschlagen lässt, kann man durch die dick gefütterte Winterjacke erahnen. Vor allem die vielfältigen Knödelvariationen haben es ihm angetan. „Hier schmeckt‘s“, seufzt er und zeigt auf die Speisekarte vom „Havelská Koruna“. Ein paar Gassen weiter passieren wir eine Bronzekugel, die Johannes Kepler gewidmet ist. Der Wissenschaftler hat hier am Hof von Rudolf II. 1609 seine „Astronomia nova“ veröffentlicht. Was mich spontan an Kopernikus und meine Reise nach Fromborg im Jahr 2012 erinnert. Beide haben die im Mittelalter geltende Lehre der katholischen Kirche, dass sich alles um die Erde dreht, durch intensive Betrachtung von Sonne, Mond und Sterne verworfen.


Auf der Karlsbrücke, einer der ältesten Steinbrücken Europas, haben wir einen atemberaubenden Blick auf die Prager Burg. Was leider auch dem frostigen Wind geschuldet ist, der bei minus fünf Grad erbarmungslos durch Schal, Mütze und Jacke bläst. Die Grundsteinlegung ist auf den 9. Juli 1357 um 5 Uhr und 31 Minuten von einem Astrologen vorausberechnet worden. Plötzlich stupst mich ein farbiger Amerikaner in weißer Matrosenuniform an, um mich mit einem hinreißenden Lächeln zu einer Kahnfahrt auf der Moldau zu animieren. Doch da ist Vladimir mit seinem lila Regenschirm schon wieder an meiner Seite. „Kommen Sie mit“, lächelt er, „ich muss Ihnen noch etwas zeigen!“ Am Clementinum vorbei schleust er unsere Gruppe durch eine vergoldete Tür in die Stadtbibliothek, wo am Ende der Treppe ein Bücherturm bis an die Decke ragt. Durch einen schmalen Schlitz kann ich hineinschauen. Da im Innern Spiegel angebracht sind, wirken die aufeinandergestapelten Bücher irgendwie unendlich. Ein Traum für Leseratten.


Vom Mittelalter und von der 1410 erschaffenen Rathausuhr, der Marienkirche, den Barockbauten in der Alt- und Neustadt, dem jüdischen Viertel und dem Haus Kafkas geht es in die Ära des Jugendstils und wieder zurück. Stilsicher führt uns Vladimir durch alle Epochen der „Goldenen Stadt“. Als wir am Altstädter Ring kurz verschnaufen, frage ich ihn, ob Prag im Krieg wie Breslau zerstört wurde. „Nein, nein!“, wehrt er ab und schüttelt seinen Kopf. Nur am 14. Februar 1945 habe es einen größeren Luftangriff der US-Airforce gegeben. Aber das sei ein Versehen gewesen, die Bomber hätten damals Dresden verfehlt. „Warum interessiert Sie das?“, fragt er, und ich berichte von meiner Großmutter, die in diesen Tagen im Februar 1945 im Prager Hauptbahnhof als Flüchtling gestrandet war. Doch auf der Suche nach ihrem Onkel habe sie den Zug, für den sie eine Fahrkarte zugeteilt bekommen hatte, verpasst. Und genau der Zug sei dann bombardiert worden. Vladimir mustert mich schweigend, und ich habe das Gefühl, dass er versteht, wie viele Zufälle einen Lebenslauf bestimmen können.


Damals hatte meine Oma mehr als einmal Glück. Ihr Bruder Walter hatte im „Schlesischen Hof“ in Bad Salzbrunn einen Ausbildungsplatz als Koch ergattert. „Sanatorium Göringa“ steht noch heute auf einer Tafel zum Frühstücksraum zur Erinnerung an die braune Zeit, als Generalfeldmarschall Schörner das Grandhotel des Fürsten von Pleß als Hauptquartier für die Wehrmacht beschlagnahmte. Als am 13. Februar 1945 die Rote Armee auf den Ort vorrückte, hat der „blutige Ferdinand“ – Schörner war berüchtigt, weil er auch rücksichtslos gegen die eigenen Soldaten vorging – den kleinen Koch mitsamt seinen Geschwistern in einen eilig herbeigeschafften Omnibus nach Prag verladen lassen. Nur mein Urgroßvater blieb zurück, um bei minus 20 Grad, wie vom letzten Oberbefehlshaber des Heeres angeordnet, mit alten Männern die schlesische Heimat glorreich als „Volkssturm“ zu verteidigen. „Mit Tränen in den Augen stand Papa im Schnee und sah zu, wie seine Familie in eine ungewisse Zukunft transportiert wurde“, hat Werner, der jüngere Bruder meiner Oma, diesen schrecklichen Moment in seinen Memoiren „Nestkälte“ festgehalten.


Durchgefroren kehre ich mit Andrea und Uli aus Bayern in der warmen Schankstube vom „Havelská Koruna“ ein. Und stelle vor dem dampfenden Teller voll Gulasch und Knödel zufrieden fest, dass Vladimir nicht zu viel versprochen hat. Als unsere Hände und Füße langsam auftauen, erzählen wir uns, welche Geschichten uns nach Prag geführt haben. Andrea wollte die Stadt, aus der ihre Eltern vor der samtenen Revolution geflohen waren, einfach mal wiedersehen. Und ich berichte, dass ich seit dem Tod meiner Großmutter immer mal wieder in die Vergangenheit meiner Familie reise.


Im September 2017 hat mir das Bundesarchiv in Berlin eine Kopie des Antrags von Arthur Wiesner auf Mitgliedschaft in der Reichstheaterkammer (RTK) zugeschickt. Er hat damals in Prag im Oberen Baumfeld 14 gelebt. Wobei Arthurs Bühnenlaufbahn bereits 1922 in Breslau begonnen hatte. Doch nachdem die Nationalsozialisten die RTK zur kulturellen Gleichschaltung gegründet hatten, musste jeder Künstler einen sogenannten Ariernachweis vorlegen. Was für jüdische Schauspieler den Ausschluss von Engagements bedeutete. Doch da Arthur lediglich den Antrag auf Mitgliedschaft in der „Fachschaft Bühne“ der Reichstheaterkammer und keinen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP ausgefüllt hatte, konnte er nach dem Krieg am Theater am Schiffbauerdamm, an der Volksbühne bzw. am Berliner Schiller- und Schlossparktheater nahtlos an alte Erfolge anknüpfen. Seine bekannteste Filmrolle bekam er allerdings erst 1957, als er in der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ den Vater von Maria Schell spielte.


„Du musst die Linie 5 nach Barrandov nehmen und in Želivského aussteigen“, sagt Uli und zeigt mir die Streckenführung auf dem Display seines Handys. Von dort sind es nur wenige Meter bis zur „Horni Stromce 2372“, wie Arthurs Adresse „Im Oberen Baumfeld“ heute heißt. Doch nachdem 1980 an der „Želivského“ eine U-Bahn Station eröffnet wurde, schaffe ich es in einer Stunde in die Vergangenheit und zurück. Auch weil die Rolltreppe der Metro mit 3,24 Stundenkilometern brutal in den Abgrund rauscht. Was laut Google Weltrekord ist.

Alle Versuche meiner Großmutter, Arthur im Februar 1945 aufzutreiben, um sich mit den Kindern bei ihm aufzuwärmen, waren vergebens. Der Onkel war spurlos verschwunden, einfach vom Erdboden verschluckt. Erst Jahre später hat Werner erfahren, dass Arthur sich zum dem Zeitpunkt längst aus Prag abgesetzt hatte. Vielleicht nach Berlin, ans Bundesratsufer, wo er bis zu seinem Tod 1980 gelebt hat? Was für eine herbe Enttäuschung für meine Großmutter, denke ich, als ich durch den gefrierenden Schnee zurückschlittere. Die Familie zerrissen, ihr Mann seit August 1944 in Moldawien verschollen, der Vater in Schlesien beim Volkssturm, ihr Bruder trotz Lungendurchschuß irgendwo an der Ostfront. Um meinen Vater in dem ganzen Chaos nicht auch noch zu verlieren, hat sie ihn im Prager Hauptbahnhof rigoros wie einen Hund angeleint.


Bernhard war bereits Ende 1943 in Winniza schwer verwundet worden. „Trotz beruhigender Worte konnte Muttel nicht aufgehalten werden, zu ihrem Sohn zu fahren“, hat Werner sich in seinen Memoiren erinnert. Nach einigen Tagen sei meine Urgroßmutter zutiefst bedrückt aus dem Lazarett zurückgekehrt und habe unter Tränen die blutgetränkte, steife Uniform ihres Sohnes ausgepackt. Sechs Monate später wurde Bernhard zum Oberfeldwebel ernannt und laut Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) am 5. Juli 1944 mit einer „Genesenden-Marschkompanie“ nach Tarnopol abkommandiert. Trotz Beindurchschuss ging es weiter in die Beskiden und im Oktober mit dem Grenadier-Ersatz-Bataillon 337 ins Tiborlager nach Schwiebus. Dort hat er einen letzten Feldpostbrief an seine Schwester Charlotte verfasst.

Winniza, Tarnopol, Beskiden. Die Orte erinnern mich an die Ausstellung „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, die die damalige Frankfurter Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD) im April 1997 in die Paulskirche geholt hatte. Denn der Bruch des Tabus von der „sauberen“ Wehrmacht hatte in den 1990er-Jahren für heftige Emotionen gesorgt. „Dass wir heute solche Debatten führen können, verdanken wir anderen Soldaten als den deutschen“, hat mir Linda 2014, als ich ihr von der ersten Reise in die Vergangenheit meiner Großeltern berichtet habe, geschrieben. „Aber wir verdanken es Soldaten – das sollten wir uns ab und an klarmachen.“


„Eines Tages, etwa ein Jahr nach Kriegsende, bekam Muttel einen Brief vom Deutschen Roten Kreuz“, erinnerte sich Werner bei einem Besuch in 2015. In dem Brief habe gestanden, dass Bernhards Frau Hilde mit beiden Kindern in Berlin lebe. „Das zweite Kind ist im November 1945 zur Welt gekommen“, hat er gesagt und mich fragend angeschaut. Ich habe ihm damals versprochen, die WASt zu kontaktieren. Die Antwort kam einen Tag nach Werners Tod. Und ich frage mich seitdem, ob ein Berufssoldat nach so einem langen Weg seine Soldaten und sein Pferd (?) verlässt, um sich ohne Marschbefehl (die Wehrmachtsauskunftsstelle und das Deutsche Rote Kreuz arbeiten ja doch sehr präzise) einfach mal für zwei Monate nach Berlin abzusetzen, um danach für immer spurlos zu verschwinden. Ohne seinen Eltern und Geschwistern eine letzte Nachricht zu hinterlassen.


Wenn ich sehe, welch drakonische Strafen Ferdinand Schörner am Ende des Zweiten Weltkriegs wegen Nichtigkeiten verhängt hat, dann habe ich Zweifel an der Version, dass der Mann mit dem Pferd im Januar 1945 zu seiner Familie nach Berlin geritten ist. Aber im Chaos am Ende des „Dritten Reichs“ war nichts unmöglich. Nur, wie passt die Nachricht dazu, dass Bernhard Wiesner laut seinem Vater im März 1945 nochmals in Prag gewesen ist? Wobei, ein kleines Happy End hat es Jahre später doch noch gegeben. Denn Arthur Wiesner hat den zweiten Sohn von Bernhard vor seinem Tod als alleinigen Erben eingesetzt.


Bevor ich am nächsten Tag nach Marienbad weiterreise, schlendere ich durch die historische Kuppelhalle im Prager Hauptbahnhof. Unter den Statuen von zwei Frauen prangt der lateinische Schriftzug „Praga mater urbanum“. Doch ich befürchte, dass meine Großmutter im Februar 1945 in dem von Wehrmachtssoldaten, Männern vom Reichsarbeitsdienst und Flüchtlingen überfüllten Bahnhof vermutlich keinen Blick für die ästhetische Schönheit des Gebäudes hatte. Für sie ging es nur noch ums Überleben, als sie für sich und ihre Geschwister rigoros Plätze in einem Zug nach Furth im Wald erkämpfte. Eine Frau habe draußen auf dem Bahnsteig, so Werner in „Nestkälte“, plötzlich herzzerreißend zu weinen angefangen. Ihr Kind war im Kinderwagen erfroren. „Und dann ist ein Uniformierter mit Hakenkreuzbinde gekommen und hat sie angeschnauzt, ob sie sich nicht vor den Tschechen und den anderen Menschen schäme.“


Ganz am Ende von Gleis 1 im Prager Hauptbahnhof erinnert heute ein kleines Mahnmal übrigens an die Transporte jüdischer Jungen und Mädchen nach Großbritannien, die der Engländer Sir Nicholas Winton 1939 organisiert hatte. Die meisten der 669 Kinder haben ihre Eltern nie wiedergesehen.

Donnerstag, November 29, 2018

„Mit Geld und Äpfeln kennen wir uns aus!“

„Un es will merr net in mei Kopp enei: 
Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“ 
Friedrich Stoltze, deutscher Dichter und Schriftsteller (1880).

Mittelpunkt der neuen Altstadt ist der Stoltze-Brunnen auf dem Hühnermarkt.
Exklusive Stadtführung durch die neue Frankfurter Altstadt

Veranstalter
BdP-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland

Veranstaltungszeit und -ort
29. November 2018, Neue Frankfurter Altstadt und Weihnachtsmarkt

Worum ging es? 
Frankfurt ist immer für einen Superlativ gut, begrüßte Clemens Hoh die knapp 30 Kolleginnen und Kollegen, um mit dem zertifizierten Stadtführer exklusiv die „neueste Altstadt der Welt“ zu erkunden. Mittelpunkt der neuen Altstadt ist der Stoltze-Brunnen auf dem Hühnermarkt. „15 Gebäude sind schöpferische Nachbauten“, berichtete der Frankfurter Kommunikationsberater, bevor es nach interessanten Anekdoten und amüsanten Hintergrundinformationen zum heißen Apfelwein auf den Weihnachtsmarkt ging. Denn „mit Geld und Äpfeln kennen wir uns aus!“

Stadtführungen: Clemens Hoh (M.A.)
Fazit: 
Bis zur Vernichtung im Zweiten Weltkrieg war die historische Altstadt mit über 2.500 größtenteils aus dem Mittelalter stammenden Fachwerkhäusern das größte Fachwerk-Ensemble Deutschlands. Zwischen 2012 und 2018 hat die Stadt Frankfurt für 200 Millionen Euro auf dem Dom-Römer-Areal die ehemaligen Straßenzüge und Plätze, wie z. B. den historischen Krönungsweg deutscher Kaiser, das „Rote Haus“ der Frankfurter Metzgerszunft sowie die „Goldene Waage“ wieder hergestellt.

Sonntag, November 18, 2018

Aufbruch nach Transnistrien


Text: Petra Tursky-Hartmann
Fotos: Ferdinand Maximilian Schlüssler & Petra Tursky-Hartmann
Karten: Wikipedia, SPD, www.wehrmacht-forum.de

Ihr Name war Olga, hatte sich der Onkel erinnert und gedankenverloren die Stirn gerunzelt. Vierzehn sei er gewesen, als der erste Mann meiner Großmutter mit seiner Freundin aus Russland heimgekehrt war. Seitdem ist der Opa aus der Familie gefallen. Auf meine Frage, woran er sich erinnere, musste der Onkel nicht lange überlegen. „Sie hatte feuerrotes Haar.“

„Je niedriger die Hausnummern, desto näher sind wir am Meer“, bemerkt Ferdi und deutet auf die burgunderfarbene Jacht mit dem Namen „Olga“, die im Hafenbecken von Odessa ankert. „Um in der sommerlichen Hitze Schatten zu spenden“, fährt mein Reisebegleiter fort, „wurden die Straßen, die zum Strand führten, mit Akazien bepflanzt. Und die Straßen, die zum Hafen führten, mit Platanen … Hörst du mir überhaupt zu?“


Mein Blick hängt an der „Lady Saliha“, die hinter dem weißen Leuchtturm langsam Kurs aufs Schwarze Meer nimmt. Für einen Moment war es wieder da, dieses tiefe Gefühl von Sehnsucht, bevor mein Blick an der Kaimauer hängen blieb. „Schwimmen verboten“ hatte jemand auf die abgeplatzte Emaille eines Blechschilds gepinselt. „Also, wenn ein betrunkener Matrose sein Schiff im Hafen von Odessa sucht“, las Ferdi, „dann muss er sich nur an den Bäumen und den Hausnummern orientieren.“ Ich mustere erst ihn, dann die ölig-kalte Brühe vor mir. „Wenn ich betrunken bin, Ferdi, dann kann ich keine Platane von einer Akazie unterscheiden.“


Der wolkenlose Himmel über uns ist so stahlblau wie die Augen des charmanten Ukrainers, in dessen Minibus wir uns gestern, also Ferdi, zwölf fremde Seelen und ich, für 200 moldauische Lei (etwa zehn Euro pro Person) von Chișinău nach Odessa gequetscht haben. Doch Ferdi fokussiert bereits die senfgelben Kräne am Kai gegenüber, die wie gefräßige Heuschrecken emsig ihre Köpfe in den grün lackierten Schiffsbauch der „Mekele“ stecken. Von der „Ukraina“ – der Werft, wo 1793 die russische Schwarzmeerflotte gegründet wurde – weht monoton ein metallisches Hämmern herüber.

Ich vermute, dass Hans Tursky seine Olga irgendwo zwischen Woroschilowgrad und Kajewka kennengelernt hat. Denn in der Akte, die mir die Berliner Wehrmachtsauskunftsstelle 2015 zugeschickt hat, ist als letzter Einsatzort seiner Heeres-Panzerjäger-Abteilung 93 „Leova“ vermerkt. Das aber liegt 95 Kilometer südwestlich von Chișinău am Pruth, wo heute die Grenze zwischen Rumänien und der Republik Moldau verläuft.

Es ist nicht das erste Mal, dass mich die Geschichte meiner Familie in die Länder der ehemaligen UdSSR geführt hat. Im Frühjahr 2018 sind es die Republik Moldau, die Ukraine und Transnistrien (nein, das ist nicht die Heimat von Graf Dracula). Aber bis zum Aufbruch ins ehemalige „Bessarabien“ hatte ich Tiraspol noch nie auf dem Radar gehabt. Was nicht verwunderlich ist, denn die „Pridnestrowische Moldauische Republik“ – so der offizielle Name von Transnistrien – steht auf der Liste der Länder, von denen das Auswärtige Amt, tourismustechnisch betrachtet, abrät.


„Diese Reise klingt nach einem echten Abenteuer! Nimmst du mich mit?“

Aber der Reihe nach. Bevor wir über die wohl berühmteste Freitreppe der Welt, die Sergei Eisenstein 1925 in seinem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ verewigt hat, zum Hafen von Odessa hinablaufen, hatten wir bereits das zweitgrößte Regierungsgebäude der Welt besichtigt, waren in einem Nachtzug von 1435 auf 1520 Millimeter umgespurt worden und konnten in einem unterirdischen Weinkeller die allerletzte Flasche von Mogit Davids Osterwein, Jahrgang 1902, bewundern.

Am oberen Ende der 192 Stufen der Potemkinschen Treppe, die vom Matrosenaufstand gegen Zar Nikolaus II. kündet, erwartet uns der Duc de Richelieu, dem ukrainische Marinekadetten sicher aus Fürsorge einen gestreiften Schal der Schwarzmeerflotte um seinen steinernen Hals geschlungen hatten. Vergangene Woche hatte es in Südosteuropa noch einmal heftig geschneit, sozusagen das allerletzte Aufbäumen eines langen russischen Winters. Doch heute zur Mittagszeit stieg das Thermometer auf angenehme zwanzig Grad, und die laue Luft roch nach Frühling. Das „Dizyngoff“ hat sofort seine Chance gewittert und Tische und Stühle auf den Gehweg gestellt, damit Gäste den Ausblick auf das Denkmal von Katharina der Zweiten genießen können. Die russische Zarin hatte die Gründung der Stadt 1794 in Auftrag gegeben. Frei, liberal, multikulturell, international, mit sehr breiten und geraden Straßen und noch größeren Villen sollte der erste eisfreie Handelshafen ihres Reiches zur „Riviera des Ostens“ und zur Vorzeigemetropole eines „neuen Russlands“ aufsteigen. Was man heute nicht mit dem „neuen Russland“ von Wladimir Putin verwechseln sollte.


Hinter dem Woronzow-Palast flanieren wir über die leicht schwingende „Schwiegermutter-Brücke“. Mir gefällt der gesunde Pragmatismus des ehemaligen Vorsitzenden der kommunistischen Partei von Odessa, der dieses Bauwerk 1968 einzig und allein dafür errichten ließ, seinen Weg zum Mittagstisch zu verkürzen. Ich kann das Motiv aus verschiedenen Gründen prima nachvollziehen, denn Frankfurt ist ja auch eine Stadt der kurzen Wege, und Essengehen in Odessa ein ausgesprochen leckerer Zeitvertreib. Mich beeindruckt der Mix aus ukrainisch-russisch-jüdischer Küche, und ich verfolge fasziniert, wie sich die „Ferdi-Robbe“ im Kumaneh und im Molodost durch Teller voller Schuba und Variniki schlemmt.

Auf der von Bauarbeiten aufgewühlten Preobrazhenska bestellen wir „Espresso to go“ an einem der kleinen Lavazza-Wagen, die hier an jeder Ecke stehen. Mein Blick schweift ab zur Büste eines hochdekorierten Soldaten, dessen grimmiger Blick schicksalsergeben auf den vom harten Frost gesprengten Platten des Gehwegs ruht. Ich habe den Mann schon einmal gesehen, nur wo? Auf meine Frage, wer der Offizier mit den buschigen Augenbrauen sei, zuckt der junge Barista eher gleichgültig mit den Achseln. Doch nachdem er Ferdi das Wechselgeld zurückgegeben hat, entziffert er für uns die Inschrift. „Malinowski“, sagt er, und ich verspüre Herzklopfen. Das also ist der Mann, dessen Lebensweg sich vor 74 Jahren mit dem Lebensweg meines aus der Familie gefallenen Großvaters gekreuzt hat. Genauer gesagt am 24. August 1944 in „Kischinau“, wie es im Antrag auf Kriegsgefangenenentschädigung handschriftlich vermerkt ist.


Malinowski und die „Operation Jassy-Kischinew“

Rodion Jakowlewitsch Malinowski war damals Oberbefehlshaber der 2. Ukrainischen Front und leitete gemeinsam mit Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin die „Operation Jassy-Kischinew“. „Großdeutschlands 6. Armee starb zweimal“, hatte „Der Spiegel“ im Februar 1965 über die Schlacht berichtet, deren Katastrophe die Nationalsozialisten bis zum Ende zu vertuschen suchten. „Zuerst vor Stalingrad im Februar 1943, dann in Rumänien im August 1944.“ Binnen fünf Tagen hatte die Rote Armee 19 Infanteriedivisionen, eine Panzer- und eine Panzergrenadierdivision der Wehrmacht ausgelöscht. 150.000 deutsche Soldaten starben (bei Stalingrad: 80.000), 106.000 Landser gerieten in Gefangenschaft (bei Stalingrad: 108.000) und weitere 80.000 Deutsche blieben laut „Spiegel“ für immer verschollen.

Ich bin bestürzt, weil ich nicht damit gerechnet habe, hier in dieser schmalen Seitenstraße von Odessa auf Malinowski zu stoßen. Vuchetich – der auch das Sowjetische Ehrenmal in Berlin gestaltet hat – hat die Büste kurz vor dem Tod des späteren sowjetischen Verteidigungsministers erschaffen. Und ich habe das Gefühl, dass dies nicht die einzige Überraschung auf dieser Reise in die Vergangenheit meiner Familie bleiben wird.


„Diese Reise klingt nach einem echten Abenteuer! Nimmst du mich mit?“, hatte mich Ferdi letztes Jahr gefragt. Ähm ja, warum nicht, habe ich gedacht. Unterwegs Gesellschaft zu haben, ist ja schon etwas Feines, besonders wenn man den gleichen Humor hat. Außerdem teilen wir das Schicksal von Nachgeborenen großer Familienclans, die der Zweite Weltkrieg kreuz und quer über Ost- und Westeuropa verstreut hat. Das verbindet. Wobei es auch Unterschiede gibt, und damit meine ich jetzt nicht die üblichen zwischen Frauen und Männern. Es bezieht sich mehr auf Ferdis virtuoses Handling seiner Apps, mit denen er unser Touristenleben in Südosteuropa perfekt organisiert. Im Gegenzug verfalle ich nicht in Panik oder Hysterie, wenn wir kein Wechselgeld für Fahrkarten haben oder der Pass unauffindbar in den Untiefen der Reisetasche verschwunden ist. Dinge finden sich, bin ich überzeugt. Und deshalb passte es mit uns. Aber vielleicht sollte ich die Geschichte von unserem Aufbruch nach Transnistrien einfach von Anfang an erzählen.


„Woher kommst du? Aus Deutschland?“

Der Airbus der Lufthansa ist pünktlich um 20:30 Uhr in Frankfurt gestartet, die Maschine nach Bukarest nicht ausgebucht, und ich habe einen komfortablen Fensterplatz hinter dem rechten Flügel ergattert. Kurz vor Mitternacht dreht der Pilot eine lang gezogene Kurve über der hell erleuchteten Stadt, bevor der A320 ganz sanft auf „Henri Coandă“ aufsetzt.


Der internationale Flughafen ist 1940 als Fliegerhorst von der deutschen Luftwaffe angelegt worden. Aber die Start- und Landebahn musste schon kurze Zeit später aus strategischen Gründen auf 1.200 Meter verlängert werden. Im Nachlass meines Großvaters Peter Wilhelm Riedle, der zu der Zeit mit seinem Luftwaffen-Bau-Ersatz-Bataillon XIII in die rumänische Hauptstadt verlegt worden war, gibt es ein Foto, das seine Kameraden im Winter 1943 vor ihrer Dornier Do 17P zeigt. „Der Flugzeugtyp ist auch zur Nachtaufklärung über Russland eingesetzt worden“, hat mir ein Experte mit Blick auf das vergilbte Foto erklärt. Für Öl aus Ploieşti lieferte Deutschland damals Waffen an die Rumänen. Denn ohne die vier bis fünf Millionen Tonnen rumänischen Petroleums, so eine Recherche des „Spiegel“, hätte Deutschland niemals so lange Krieg führen können. Erst der Einmarsch von Malinowskis Roter Armee ließ die Ölquellen der Nazis Ende August 1944 schlagartig versiegen.


„Woher kommst du? Aus Deutschland?“, interessiert sich der gut gelaunte Taxifahrer, dem ich beim Einsteigen als Ziel das „Embassy Nord“ nenne. Dort wartet Ferdi, der bereits heute Nachmittag über Warschau nach Bukarest angereist ist. Als ich seine Frage bejahe, freut er sich wie Bolle. „Oh, Angela Merkel!“, strahlt er. „Ist guttt???“, mustert er mich im Rückspiegel erwartungsvoll. Nichts gegen die deutsche Kanzlerin, denke ich, aber mir wäre sichtlich wohler, wenn er sich vielleicht etwas mehr auf die nächtliche Schnellstraße vor seiner Stoßstange konzentrieren würde. „Ist nicht guttt???“, setzt er verunsichert nach und wirkt irritiert. Ich lächele und beteuere hastig: „Doch, doch, alles gut! Alles gut!“, in der Hoffnung, dass er nach Klärung dieser außenpolitisch brisanten Frage nun wieder mehr nach vorne schaut. Offensichtlich hat die deutsche Bundeskanzlerin hier in Rumänien einen ihrer treuesten Fans, denn zufrieden pfeifend fummelt er eine Musikkassette mit deutschen Top-Hits der 90er aus seinem Handschuhfach.

Die erste Nacht in Bukarest weckt Erinnerungen an meine früheren Flüge in die USA. Im Hinterhof des mit einem geheimen Keycode verriegelten Hotels entwickelt der Haus- und Hofhund hörbar Ehrgeiz, sich mein nächtliches Erscheinen durch wütendes Gekläffe zu verbitten. Vom Gare du Nord schallen durchdringende Pfiffe von ankommenden und abfahrenden Zügen herüber. Und dann heulen Sirenen, wieder und wieder. Keine Ahnung, ob das die Polizei oder die Feuerwehr von Bukarest ist, aber es klingt verdammt nach New York und Chicago. Da ich nicht schlafen kann, zähle ich Klimaanlagen am Wohnblock gegenüber, die sich an lose herabhängenden Stromkabeln hochranken. Spätestens im Hochsommer bei Gewitter dürfte das ambitionierte Konstrukt eine Herausforderung für jeden städtischen Stromversorger sein. Aber jetzt ist April und nicht August, also wozu soll ich mir schon heute Nacht meinen Kopf zerbrechen? Müde öffne ich die Balkontür, um frische Luft in unsere Juniorsuite zu lassen. Als sich kurz nach sechs ein Müllwagen durch die enge Gasse am „Embassy Nord“ quetscht, weht eine süßlich-verweste Brise herein. Bukarest erwacht.


Der Parlamentspalast von Bukarest und ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit 

Bevor wir zum Sightseeing aufbrechen, deponieren wir unser Gepäck beim „Nonstop-Service“ im Gare du Nord. Ferdi hat bereits gestern unsere Fahrkarten am Schalter für internationale Verbindungen der „Calea Ferată din Moldova“ klargemacht. „Ein Zug pro Tag, den Job hätte ich gerne“, nickt er anerkennend. Abfahrt ist heute Abend um 19:15 Uhr, Ankunft morgen früh um 09:27 Uhr in Chișinău. Vierzehneinhalb Stunden für 590 Kilometer inklusive Umspurung in Ungheni. Aber das haben wir ja vorher gewusst, dass unsere Reise etwas aus der Zeit fallen würde. Wobei das Zweierabteil laut Ferdi so unverhältnismäßig teuer gewesen sei, dass er zwei Betten im Vierer-Abteil der CFM für 179,32 rumänische Leu (38,64 Euro) gebucht hat. Ich liebe ja solche Überraschungen. Doch bevor mein Kopfkino Fahrt aufnehmen kann, bugsiert mich mein reizender Reisebegleiter galant durch den Haupteingang des Gare du Nord ins pulsierende Leben der rumänischen Hauptstadt.


Im ehemaligen „Paris des Ostens“ ducken sich immer noch viele ländlich wirkende Häuschen zwischen den von Smog gezeichneten Mietskasernen im Bauhausstil der 1930er-Jahre. Dazwischen wechseln sich graue sozialistische Plattenbauten und Marmorpaläste im imperialen Zuckerbäckerstil ab. Vieles wirkt mächtig pompös, wie zum Beispiel das beeindruckende Reiterstandbild von König Carol dem Ersten am Revolutionsplatz.


An der „Calea Victoriei“ werfen wir einen kurzen Blick in die „Biserica Crețulescu“. Die Kirche aus dem 17. Jahrhundert mit ihren herrlichen Ikonen stand eigentlich immer in Sichtweite von Nicolae Ceaușescus Palast. Doch im Gegensatz zu den meisten Gotteshäusern hat sie die kommunistische Ära nahezu unbeschadet überstanden.


Golden flirrt das Sonnenlicht durch die getönten Glasscheiben der menschenleeren „Macca-Vilacrosse“-Passage. Aber nur wenige Meter weiter, im „Caru‘ cu bere“, wo das Bier seit 1879 nach Originalrezept gebraut wird, steppt der Bär. Da ich noch keinen Hunger auf Mici oder Karpfen verspüre, erkunden wir das Bukarester Kitsch-Museum.


Beim Schlendern durch die Altstadt hält uns plötzlich ein älterer Mann im zerknitterten Anzug zwei wild zwitschernde Wellensittiche unter die Nase. Er wispert geheimnisvoll und schaut mich mit seinen tiefbraunen Augen mitleiderweckend an. Ferdi drängt weiterzugehen, doch es ist zu spät. Für zehn rumänische Leu (2,15 Euro) darf das blau gefiederte Vogelmännchen ein englisches Tageshoroskop aus dem hölzernen Bauchladen zupfen. „All problems have a solution“, steht auf der winzigen Zettelrolle, der Rest ist in Rumänisch. „Da hat Google wohl gepatzt“, stellt Ferdi zufrieden fest. Wobei ich nach dieser vielversprechenden Prognose der kommenden Nacht im Viererabteil nun deutlich gelassener entgegensehe.


Mit jedem Schritt, dem wir uns dem Bukarester Parlamentspalast über den „Bulevardul Unirii“ nähern, nimmt mein Gefühl, in die Bedeutungslosigkeit schrumpfen zu müssen, zu. Mit 275 Metern Länge – wir sind es an der äußeren Gartenmauer einmal komplett abgelaufen! –, 235 Metern Breite, 86 Metern Höhe und 65.000 Quadratmetern Grundfläche ist der monströse Koloss das zweitgrößte Regierungsgebäude der Welt nach dem Pentagon. Um Platz für diesen gigantischen Palast zu schaffen, hat Ceaușescu Anfang der 1980erJahre große Teile der Bukarester Altstadt, ein Dutzend Kirchen und drei Synagogen abreißen lassen.

Es war die 26-jährige Architektin Anca Petrescu, die den Wettbewerb des Diktators für ein neues „Haus des Volkes“ gewonnen hatte. „Ceaușescu hat sich für ihren Entwurf entschieden, weil sie das größte Gebäude geplant hatte“, erzählt uns der Tourguide, als wir ihm über graue Marmorstufen ins Düstere folgen. An diesem Gebäude wirkt einfach alles überdimensioniert, die 150 Meter lange Galerie mit dem blutroten Läufer, der 5.000 Kilo schwere Kristallleuchter im Kino und die eine Million Kubikmeter rosa Marmor aus Siebenbürgen, die hier verbaut wurden. 20.000 Arbeiter waren dafür im Dreischichtbetrieb beschäftigt. Gekostet hat das Wahnsinnsprojekt etwa 3,3 Milliarden Euro, das waren laut Wikipedia 40 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts des damals bettelarmen Rumäniens.


An vielen Stellen im Palast verspürt man immer noch das beklemmende Gefühl von Überwachung durch den damaligen Geheimdienst „Securitate“. Wobei Ceaușescu die Fertigstellung seines neoklassizistischen Protzbaus nicht mehr erlebt hat, denn er wurde am 25. Dezember 1989 mit seiner Frau Elena von Revolutionären hingerichtet. Die offizielle Eröffnung des Parlamentspalasts blieb Michael Jackson vorbehalten, der die jubelnden Massen 1992 mit den Worten „Hello Budapest!“ begrüßte.


„Die Deutschen atmen noch“

Wir posen für ein letztes Selfie von Gleis 11, bevor wir die hohen Stufen unseres CFM-Waggons erklimmen. „Ich liege oben“, entscheidet Ferdi und wuchtet unser Gepäck auf die untere Pritsche. An meinem Bett gegenüber ist ein ovales Messingschildchen mit der Nummer 21 angeschraubt. Der Schaffner, der sich zum Service ein rot-weiß gestreiftes Batik-T-Shirt über sein Uniformhemd gestreift hat, überreicht uns in Klarsichtfolie gehüllte Bettwäsche – Ferdi bekommt blaue, ich rosa Laken, und als Bonus gibt‘s brettharte Frotteehandtücher.

Die „Calea Ferată din Moldova“ ist erst nach dem Zerfall der Sowjetunion auf dem Staatsgebiet der Republik Moldau entstanden und soll seit 2017 angeblich vor dem Konkurs stehen. Trotz 27 Grad Außentemperatur bollert die nicht abstellbare Heizung auf Hochtouren. Großzügig geraffte Vorhänge aus güldenem Polyester mit kleinen CFM-Logos verdecken den Sonnenuntergang. Farblich auf die Gardinen ist die knisternde Tischdecke abgestimmt, auf der Ferdi schwungvoll den auf den letzten Drücker im Bahnhofsshop erworbenen Cabernet Sauvignon entkorkt. Zwischen aufgerollten Matratzen und zwei Stapeln dicker Winterwolldecken kommen wir ziemlich schnell ins Schwitzen. Plötzlich setzen sich die Waggons quietschend und schlingernd in Bewegung. Das Abenteuer beginnt.


Der durchgewetzte Motivteppich im Gang hat auch schon bessere Zeiten erlebt, ein lindgrüner Läufer bedeckt nur notdürftig Trittspuren und Flecke. Ich erinnere mich an einen trüben Tag im letzten November, als ich bei Dussmann einen passenden Reiseführer gesucht habe. „Ach“, hat die zierliche Bücherfrau über ihre große Hornbrille bekümmert geseufzt: „Wussten Sie eigentlich, dass die Republik Moldau das am zweitschlechtesten besuchte Land in Europa ist?“ In der Toilette entdecke ich ein circa vier Zentimeter breites Loch im Fußboden, das einen uneingeschränkten Blick auf vorbeiziehende Schottersteine im Gleisbett erlaubt. Pfeifend passiert der Nachtzug die dampfenden Kühltürme von „Petrobrazi“, einer riesigen Erdölraffinerie südlich von Ploieşti. Als ich das Fenster herunterziehe, um frische Luft zu schnappen, weht mir ein würziges Gemisch aus Diesel und Gülle um die Nase.

„Passport!“ Der Zugbegleiter muss nur kurz gezögert haben, bevor er den Schalter der Neonbeleuchtung umgelegt hat. Jetzt weiß ich zumindest, wie sich ein Grottenolm fühlt, den man ohne Vorwarnung aus seiner Höhle ans Tageslicht zerrt. „Nicolina“, entschuldigt sich der Mann. Es ist kurz vor zwei, als rumänische Grenzer einen desinteressierten Blick in unsere deutschen Pässe werfen. 30 Minuten später setzt sich der Zug wieder in Bewegung und überquert langsam eine quietschende Brücke. Im trüben Licht der Laternen schimmert der Schotterweg unten am Bahndamm wie grün-gelbes Niemandsland, was spontan Erinnerungen an meine erste Klassenfahrt in die damalige DDR weckt.


„Are you sick?“ Ein älterer Herr beugt sich über mich. Ich muss wohl wieder eingenickt sein, denn auf meinem Handy ist es 3.48 Uhr. „Doctor“, murmelt der Zugbegleiter, doch der Arzt ist bereits auf dem Weg ins nächste Abteil. Offensichtlich hat ihm die Inaugenscheinnahme von Ferdi und mir („Die Deutschen atmen noch“) gereicht. Die Grenzbeamtin der Republik Moldau reagiert dagegen sichtlich unentspannter, als sie feststellt, dass ihre rumänischen Kollegen unsere Pässe nicht abgestempelt haben. Ich überlege schlaftrunken, ob ich ihr mit dem Satz des Bukarester Taxifahrers „Angela Merkel guttt!“ diplomatisch eine Brücke baue, doch da ist sie bereits mit unseren Pässen verschwunden.

Ungheni – Eisen knallt brutal gegen Eisen

Es ist still geworden in Waggon 1. „Ferdi, die Lok ist weg!“, lausche ich erschrocken in die totenstille Nacht. „Blond war der Weizen der Ukraine“, reklamiert Ferdi und klettert von der oberen Pritsche, um Rotwein nachzuschenken. „Weißt du, dass die Fürstin Gagarin damals wegen unerlaubtem Grenzübertritt im rumänischen Gefängnis gelandet ist?“ Ich mag ihn ja schon, aber da ich keine Prinzessin bin, überwiegt meine Zuversicht, auch den Rest der Nacht in diesem Abteil zu verbringen.

Seitdem unser Zug steht, steht übrigens auch die Heizung. Das heißt, mehr als vier bis fünf Grad hat es draußen nicht mehr, denn ich kann meinen Atem an die Scheibe hauchen. Aber zumindest machen jetzt die Winterwolldecken auf unseren Pritschen Sinn. Um 4.25 Uhr kommt die Grenzbeamtin mit unseren Pässen, ihrem Vorgesetzten und zwei ausgefüllten Formularen zurück und belehrt uns, zukünftig korrekte Reisedokumente mitzuführen. Wir nicken ein müdes „ja, ja“, ohne zu ahnen, dass uns das wenige Tage später noch einmal einholen wird.


In dem Moment setzt sich die Lok vom Typ ЧМЭ3 ruckartig in Bewegung – um die Waggons nur wenige Kilometer weiter in die Umspuranlage von Ungheni zu bugsieren. An der Grenze wechselt die europäische Spurbreite von 1435 Millimeter auf die russische Breitspur von 1520 Millimeter. Müde schlurft ein grauhaariger Monteur im verölten Blaumann an mir vorbei, und ich beschließe, ihm zu folgen. Nachdem er im ersten Abteil den Läufer beiseitegeschoben hat, klappt er das Parkett auseinander und zieht zwei dicke Eisenstäbe aus dem darunterliegenden Loch. Unser Abteil vibriert, als die gelb-grün lackierten Hebeböcke den Waggon von seinen Radsätzen trennen. Draußen springen Bahnarbeiter fluchend im diffusen Licht hin und her, und ich verspüre einen tiefen Respekt vor diesem Mörderjob. Drehgestell um Drehgestell wird unter uns herausgezogen und ausgewechselt, Eisen knallt brutal gegen Eisen, und Handschuhe, Warnwesten und Sicherheitsschuhe sind in diesem unwirtlichen Kosmos schlicht und einfach überbewertet. Um 6:25 Uhr hat die Diesellok den Nachtzug wieder zusammengekoppelt. In der Cafeteria „Bufet Express“ im Bahnhof gegenüber brennt noch Licht. Dann brechen erste Strahlen der aufgehenden Morgensonne durch den wabernden Morgennebel.


„Wir haben das schönste Mammut!“

Fünf internationale Zugverbindungen pro Tag stehen auf der Anzeigetafel im Bahnhof von Chișinău, drei aus Moskau, eine aus St. Petersburg und unser Nachtzug aus Bukarest. Das Einzige, was sich an diesem Morgen in der Ankunftshalle bewegt, ist eine Handvoll schläfriger Goldfische im hellblau schimmernden Aquarium.

„Taxi?!“ Eine weiß-grau gehäkelte Wollmütze über breit verschränkten Armen versperrt uns grimmig den Ausgang. Der frostige Charme des Moldauers, gepaart mit seinen angespannten Oberarmmuskeln unter dem karierten Hemd, erinnern mich an das einnehmende Wesen von Türstehern im Frankfurter Bahnhofsviertel. Als Ferdi mit Hinweis auf seine Uber-App den Vorschlag dankend ablehnt, ernten wir ein knurrendes Grummeln. Und da die Aura des Mannes mich an KGB-Agenten in James-Bond-Filmen erinnert, willige ich, unter Protest von Ferdi, in das unschlagbare Taxiangebot ein.

Die Menschen in Chișinău überraschen uns auf dem Weg zum „Bulevardul Stefan cel Mare“ mit ihrem ziemlich entspannten Tempo. In der Republik Moldau hat man offensichtlich noch Zeit. Dass hier die Uhren noch immer etwas anders ticken, wird uns beim Anblick der Vielzahl an Geschäften für Brautmoden und -zubehör klar. Offensichtlich ist die Hochzeit einer der zentralen Tage im Leben einer Moldauerin. Die hohe Dichte an Glitzergeschäften wurde allerdings noch getoppt von „Vulcanization“, also Werkstätten für Reifenreparaturen. Was sich aber nach zwei Taxislalomfahrten um tiefe und allertiefste Schlaglöcher dann auch erklärt hatte.


Und dann steht sie plötzlich da, am „Vânzare de picturi și suvenire“, auf einem Tisch voller Souvenirs. Als handgeschnitzte Matrjoschka überstrahlt die deutsche Bundeskanzlerin im lindgrünen Blazer und mit jungmädchenhaftem Lächeln ein gutes Dutzend gestrenger Lenins und Stalins. Die Händlerin schraubt das niedliche Püppchen zum „special price“ von 500 Lei (25 Euro) wieselflink auf, um uns zu zeigen, dass in ihr von Gerhard Schröder bis Willy Brandt auch wirklich alle Vorgänger stecken.


„Wir haben das schönste Mammut!“, bekräftigt die Aufseherin im Nationalmuseum für Völkerkunde und Naturgeschichte, und ihre lavendelblauen Augen strahlen stolz mit ihrer fliederfarbenen Mohairjacke um die Wette. Wobei die Frau nicht die Bundeskanzlerin, sondern das „Deinotherium gigantissimus“ im Keller des Hauses meint. Das Mammut von Chișinău ist nämlich etwas ganz Besonderes, weil es „ein Ganzes“ sei. Das aber wispert sie so leise, als habe sie uns gerade in das am besten gehütete Geheimnis von ganz Osteuropa eingeweiht. Auf dem Weg zum Ausgang flanieren Ferdi und ich an einem Diorama vorbei, wo Schaufensterpuppen in landestypisch bestickten Blusen Hochzeit feiern. „Die sehen so aus“, raunt mir Ferdi unter den Blicken der gestrengen Wächterinnen zu, „als ob sie alle mit Chucky verwandt sind.“

Cricova – der Rolls-Royce unter den internationalen Weingütern

Am nächsten Tag flitzen wir in einem roten Elektrowägelchen für 700 Lei ziemlich flott durch die Unterwelt von Cricova, wo die Straßen Cabernet Sauvignon, Merlot oder Chardonnay heißen. Hier, etwa 15 Kilometer nördlich von Chișinău, lagert in einem 120 Kilometer langen unterirdischen Stollensystem eine der größten Weinsammlungen der Welt. Dank des milden Klimas hat die sowjetische Planwirtschaft Moldawien zum größten Weinproduzenten der UdSSR hochgerüstet. Dass die Republik Moldau heute noch ebenso viel Wein wie die Bundesrepublik Deutschland produziert, hat mich dann aber doch überrascht.

„Wir stellen nach der Méthode champenoise her“, lächelt Irina, die perfekt deutsch spricht und routiniert die erste Flasche im hauseigenen Kino für uns öffnet. Die Kohlensäure prickelt angenehm. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass der örtliche Patriarch mehrere ausgewählte Lagen für das Osterfest am kommenden Sonntag gesegnet hat. Ein guter Rüttler drehe rund 30.000 Flaschen am Tag, berichtet unsere Gästeführerin. Was laut Ferdis Kalkulations-App 25 pro Minute macht – vorausgesetzt, man dreht täglich zehn Stunden lang Flaschen.


Cricova versteht sich als eine Art Rolls-Royce unter den internationalen Weingütern. Juri Gagarin, der erste Mann im All, war hier im Keller mal eineinhalb Tage hinter den Fässern abgetaucht. Und auch Wladimir Putin hat es sich nicht nehmen lassen, im unterirdischen Festsaal seinen 50. Geburtstag zu feiern. Da hat der Gerd, denke ich spontan, vermutlich was verpasst.

Das erste offizielle deutsche Staatsoberhaupt war übrigens Angela Merkel, die 2012 zum Dank vom damaligen Premier 460 Flaschen als Gastgeschenk erhalten hat. Irina, die auch diesen Besuch souverän gedolmetscht hat, zeigt uns ein Foto mit ihr und Frau Merkel im Internet. Und führt uns dann an den Ort, wo der Kanzlerinnen-Wein für ihre zukünftigen Partys in Cricova aufbewahrt wird. Ganz eng stehen sie hier unten in den Aushöhlungen beieinander, das russische, das amerikanische und das deutsche Fähnchen, die die Weinpräsente ihrer Staatsoberhäupter markieren. Nur das französische hat aus unerfindlichen Gründen seinen Platz erst hinter der nächsten Biegung gefunden.

Die Katakomben von Cricova hüten allerdings auch die dunkle Geschichte des Weins – denn hier lagern noch immer Tausende Flaschen aus der Kollektion des NS-Kriegsverbrechers Hermann Göring, darunter auch die weltweit letzte Flasche von Mogit Davids Osterwein von 1902.


Odessa – ein Opernhaus, zwölf Stühle und die Potemkinsche Treppe

Der erste Blick aus dem Fenster unserer Suite im Hotel Mozart fällt auf die 1883 eröffnete Oper. Wir sind überwältigt von der Fassade des zwischen Neobarock und Renaissance angesiedelten Rundbaus. Über ein prachtvoll ausgestattetes Treppenhaus gelangen wir am Abend in den großen Saal, in dem purer Luxus herrscht. Bis heute gilt das Haus als eines der schönsten und mit der besten Akustik ausgestatteten Opern der Welt. „Was für eine Stadt“, lächelt Ferdi ergriffen, und wir fühlen uns atmosphärisch irgendwo zwischen Wien und Paris verortet, als wir uns in unserer Loge für 200 ukrainische Griwna (6,26 Euro) pro Person von Tschaikowskis Oper „Iolanta“ verzaubern lassen. Wobei wir uns auf unseren samtroten Polsterstühlchen auch über die drei Damen in der Nachbarloge amüsieren, die mit viel Champagner den Grafen auf der Bühne mehrfach mit viel Herzblut hochleben lassen.


Apropos, Stühle. Bevor wir weiterreisen, zeigt mir Ferdi das Bronzedenkmal für die „Zwölf Stühle“. Der Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow handelt von einem ehemaligen Adligen, der erst am Sterbebett seiner Schwiegermutter erfährt, dass sie die wertvollen Familienjuwelen bei der Enteignung durch die Bolschewiki in einem ihrer zwölf Stühle versteckt hat. Er findet alle, den letzten in einem Kulturklub der Arbeiterklasse.


In Odessa spürt man an jeder Ecke, dass die ukrainische Metropole weltweit Handelsbeziehungen pflegt. Nach Regensburg, übrigens der einzigen Partnerstadt in Deutschland, sind es nur 1.400 Kilometer Luftlinie. Für jemand, der im Jet-Zeitalter geboren ist, ist das nicht wirklich eine Entfernung. Wobei ich dann doch ins Grübeln komme, wie Hans Tursky dieses Land damals bewertet hat, als er vom einfachen Kraftfahrer der Potsdamer Post zum Panzerjäger der Wehrmacht mutierte.


Tiraspol – Reise in einer Zeitkapsel

Müde dösen wir an der Theke der „Express Lounge“ im internationalen Busterminal von Odessa und warten auf unsere Abfahrt nach Transnistrien. Mein Reisebegleiter hat Hunger und deutet auf einen Börek hinter Glas. Den könne sie leider nicht empfehlen, kichert die Kellnerin, die uns Espresso macht und dabei tief in Ferdis Augen schaut, „der hat leider schon die Perestroika erlebt.“

Unser Minibus ist bis auf den letzten Platz besetzt, doch unser Fahrer wirkt so souverän wie der Kollege, mit dem wir vorgestern über Palanca eingereist sind. Angeschickerte Fahrgäste, stoische Grenzbeamte, staubige Schlaglochpisten, offensichtlich haben Ukrainer die Unzulänglichkeiten des Alltags gut im Griff. „Der Export von Schwein ist verboten“, belehrt er uns, bevor wir unser Gepäck in die Röntgenanlage von Smiths (übrigens „Made in Wiesbaden“) wuchten müssen.

Transnistrien hat zwar eine eigene Währung, aber Ferdis Kreditkarte funktioniert trotzdem nicht. Was allerdings problemlos klappt, ist der Umtausch meiner guten alten Euros in Rubel. Am Bahnhof von Tiraspol, wo wir Tickets für den Abendzug nach Chișinău besorgen wollen, begrüßt uns ein freundlicher Beamter von der Einwanderungsbehörde. „Angela Merkel ist ja wiedergewählt worden“, bemerkt er beim Blick in unsere deutschen Pässe und lächelt. Was mich überrascht, denn wenn er mich fragen würde, wer Transnistrien regiert, müsste ich definitiv passen. Wir sollen nach Bender fahren, schwärmt er von der historischen Festung, und dann kommen wir ins Plaudern. Ich bin überrascht, wie gut der Mann Englisch spricht. „What do you think, we do?“, schmunzelt er. „Only hunting wild bears on the street?“

„Didn’t get to bed last night … Man, I had a dreadful flight.“ Ich habe plötzlich „Back in the U.S.S.R.“ von den Beatles im Ohr, als wir über die frisch gefegten Straßen der Hauptstadt schlendern. Tiraspol fühlt sich wie die Reise in einer Zeitkapsel an. So ungefähr habe ich mir früher, vor dem Fall der Mauer, die Welt hinter dem Eisernen Vorhang vorgestellt. Über die Leninstraße geht‘s beim Weinbrandhersteller „Kvint“ vorbei Richtung Palast der Republik und weiter zum Paradeplatz mit der Reiterstatue von Alexander Suworow. Vor dem Parlamentsgebäude steht ein meterhohes Granitmonument von Lenin, viel imposanter als der, der im Film „Good Bye, Lenin!“ am Helikopter davonfliegt. Hatte uns nicht der Maler auf dem Kunstmarkt in Chișinău vorgewarnt, dass in Transnistrien die Zeit stehen geblieben ist?


Und dann steht er vor uns, der legendäre T-34, mitten auf dem monumentalen Gedenkplatz vor der ewigen Flamme, die Michail Charin, einer der Helden der „Operation Jassy-Kischinau“, entzündet hat. Mit seiner robusten Konstruktion und unkomplizierten Technologie hat der russische Panzer als eine Art prähistorisches Monster die deutsche Wehrmacht das Fürchten gelehrt.

Die schwere Heeres-Panzerjäger-Abteilung 93 meines Großvaters, so Michael vom Wehrmacht-Forum.de, war mit sogenannten Nashörnern ausgestattet und wurde laut einer NARA-Rolle (das amerikanische Nationalarchiv hat die Kriegstagebücher der Wehrmacht digitalisiert) am 19. August 1944 dem LII. Armee-Korps bei „Kischinew“ unterstellt. Durch Zufall finde ich in einem rumänischen Forum den Hinweis, dass „… the "schwere Heeres-Panzerjäger-Abteilung 93" (heavy tank hunter battalion) with 25 Panzerjäger „Nashorn“, subordinated to the 6th Army Command, Army Group South Ukraine …was totally destroyed in the battles in central and southern Bassarabia in August 1944."

Im Zug aus Moskau geht es zurück

Ferdi hat bei den russischen Zugbegleitern heißen Tee aus dem Samowar bestellt. Draußen ziehen qualmende Fabrikschlote und kleine Bauerngehöfte vorbei. Dazwischen taumeln immer wieder weiße Plastiktüten über braungrüne Wiesen, die der Wind ziellos vor sich hertreibt. Ich fühle mich plötzlich seltsam verloren.


Für meinen Großvater war der Zweite Weltkrieg am 24. August 1944 vorbei. An diesem Tag wird er in „Kischinau“ als Kriegsgefangener registriert. Zwei Tage später wurde er ins Lager 144 in Worowschilowgrad, dem heutigen Luhansk, verlegt. Über 2.000 Kriegsgefangenenlager für drei Millionen deutsche Kriegsgefangene hat man laut Wikipedia in der ehemaligen Sowjetunion gezählt. Im August 1947 wird Hans Tursky nach „Kajewka“ (heute Stachanow) verlegt. Die vom Kohlebergbau dominierte Stadt in der Donbass-Region ist seit 2014 durch Separatisten der Volksrepublik Lugansk besetzt. Für ihn geht es im November 1947 zwecks „Familienzusammenführung“ zurück nach Deutschland ins Heimkehrerlager Gronenfeld bei Frankfurt an der Oder. Gemeinsam mit Olga, der Schneiderin aus Petersburg, die er in Russland kennengelernt hat, findet er in Furth im Wald meine Großmutter Wally, die hier mit ihrer Familie als Flüchtling aus Schlesien gestrandet ist.


Um uns herum stapeln sich die frisch gefalteten Wolldecken auf den Doppelstockbetten, wenn der Express heute Nacht von Chișinău über Tiraspol nach Moskau zurückkehrt. Doch jetzt ist erst einmal Abendbrotzeit. Auf einer weißen Tischdecke platzieren die Zugbegleiter große Schüsseln mit Aspik, Eiern und Kartoffelsalat. Einer der Russen stellt ein Wasserglas mit leuchtend gelben Narzissen, die er einer Bauersfrau auf dem Bahnsteig abgekauft hat, auf den gedeckten Tisch. Morgen ist Ostern, lächelt er uns zu.


Helden für die Ewigkeit

Ferdis Reisetasche platzt aus allen Nähten, als er am nächsten Morgen seine Sachen packt. Sein Flug nach Warschau geht schon heute Mittag, für mich ist unser Trip erst morgen zu Ende. Beim Frühstück lassen wir die gemeinsamen Tage Revue passieren. „Überraschend anders“, sagt er und klingt zufrieden. Eine Prozession zieht an uns vorbei Richtung Triumphbogen. „Hristos a înviat“ (Christus ist auferstanden) singen die Gläubigen und laden uns ein, zur Kathedrale der Geburt des Herrn, deren prachtvoller Glockenturm 1962 weggesprengt und nach der Unabhängigkeit der Republik Moldau wiedererrichtet wurde, mitzupilgern.


Bevor ich nach Frankfurt zurückfliege, besuche ich „Eternitate“, der Heldenpark, der den bei der „Operation Jassy-Kischinew“ gefallenen Soldaten der Roten Armee gewidmet ist. Fünf stilisierte Gewehre, eins für jedes Kriegsjahr von 1941 bis 1945, bilden eine 25 Meter hohe Steinpyramide. Doch das Mahnmal, das in den Neunzigern um einen Gedenkplatz für die Opfer des Transnistrien-Konflikts erweitert wurde, bröckelt. Der „eingefrorene“ Konflikt um die Pridnestrowische Moldauische Republik ist nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen den Eliten in Chișinău und Tiraspol und ihren verschiedensprachigen Bevölkerungsteilen gewesen, sondern beinhaltet bis heute eine tiefe geostrategische Dimension. Seit dem Zerfall des Warschauer Pakts fungieren die Republik Moldau und die Ukraine als Korridor zwischen Europa und Russland. Doch viele der Jüngeren orientieren sich zunehmend in Richtung Westen, hat uns eine Moldauerin im „Café Propaganda“ erzählt, aber viele sind auch besorgt, dass die Russen das irgendwann verbieten.

Ein verwilderter Hund springt auf, als ich die Gedenkstätte nachdenklich betrete. Laut dem Onkel sind Hans und Olga von Furth nach München gezogen, wo er als Kraftfahrer beim Zirkus Krone angeheuert hat. Meine Oma hat, soweit ich zurückdenken kann, die Erinnerungen an ihren Mann, der mit einer Freundin aus Russland heimgekehrt war, getilgt. Man kann Geschichte nicht rückgängig machen, denke ich beim Anblick der roten Nelken auf den Granitplatten von „Eternitate“. Doch noch mehr war ich dankbar, dass mir der Faschismus erspart geblieben ist.