FPC: Am letzten großen Lagerfeuer der Republik - ZDF-Intendant Norbert Himmler im Interview


Fotos: Rainer Rüffer

Polarisierung, Vertrauensverlust und ein radikal verändertes Mediennutzungsverhalten prägen die Arbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diese Diagnose zog sich durch das Gespräch mit ZDF-Intendant Dr. Norbert Himmler im Frankfurter PresseClub. FAZ-Herausgeber Carsten Knop nutzte den bevorstehenden Wiederwahltermin des Intendanten als Anlass für eine Bilanz der ersten Amtszeit und einen Blick nach vorn.

Himmler beschrieb das ZDF als eines der letzten verbliebenen „Lagerfeuer“ der Republik: Mit einer monatlichen Reichweite von rund 82 Prozent bleibe der Sender ein zentraler Stabilitätsanker im öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig bröckele diese Reichweite, da lineares Fernsehen an Bedeutung verliere und sich Information zunehmend auf internationale Plattformen verlagere. Als größten Erfolg seiner bisherigen Amtszeit nannte der Intendant den Versuch, das ZDF organisatorisch und strategisch zukunftsfähig aufzustellen. Ob der digitale Umbau schnell und entschlossen genug erfolgt sei, ließ er offen.


Einschränkungen in der Pressefreiheit 

Ausführlich thematisiert wurde der wachsende Druck auf Journalistinnen und Journalisten. Anfeindungen, Drohungen und körperliche Übergriffe kämen inzwischen aus allen politischen Lagern. Zugleich steige die Sensibilität des Publikums gegenüber vermeintlicher Einseitigkeit, insbesondere bei prominenten Moderatorinnen und Moderatoren. Himmler betonte die Notwendigkeit, Information und Meinung sauber zu trennen, räumte aber ein, dass trotz sorgfältiger Recherche Fehler unvermeidlich seien.

Sorge bereiteten ihm internationale Entwicklungen, wie zum Beispiel Einschränkungen der Pressefreiheit, etwa in den USA, sowie eine restriktive Visapolitik in Zukunft die Auslandsberichterstattung massiv beeinträchtigen könne. Authentische Information vor Ort bleibe dennoch unverzichtbar, auch wenn das Weiße Haus, so Knop, auf der offiziellen Website eine Art Pranger eingeführt habe.


Über 40 Prozent der KI-generierten Antworten im Informationsbereich sind falsch

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der veränderten Mediennutzung. Immer mehr Menschen informierten sich ausschließlich über soziale Netzwerke und KI-basierte Zusammenfassungen. Himmler warnte eindringlich vor der Bequemlichkeit solcher Angebote: Studien der European Broadcasting Union zeigten, dass rund 45 Prozent KI-generierter Antworten im Informationsbereich fehlerhaft seien.

Ambivalent bewertet wurde der neue Rundfunkstaatsvertrag. Die stärkere Fokussierung auf Bewegtbild sei fachlich nachvollziehbar, einzelne Regelungen – etwa die Bindung digitaler Inhalte an eine vorherige Ausstrahlung – stünden jedoch im Widerspruch zu heutigen Nutzungsgewohnheiten. Die eigentliche Konkurrenz, so Himmler, seien auch nicht Verlage oder private Sender, sondern globale Plattformen und KI-Aggregatoren, die journalistische Inhalte verwerteten, ohne selbst Inhalte zu erzeugen. „Das Problem lautet doch, die internationalen Plattformen, wie ich es eben beschrieben habe, mit ihrer Aggregation, mit ihrem kostenlosen Abgreifen, all der Information, die wir liefern und dann wie auch immer weiterverarbeiten und zu Geld machen“, betonte Himmler.


Qualitätsjournalismus ist existenziell für den gesellschaftlichen Diskurs

Als Antwort setze das ZDF auf Kooperation: gemeinsame Mediatheken-Technik mit der ARD, Open-Source-Lösungen und den Aufbau öffentlich-rechtlicher digitaler Diskussionsräume. Ob diese „Public Open Spaces“ eine relevante Alternative zu kommerziellen Plattformen werden, bleibe offen.

Mit Blick auf die Finanzierung verteidigte Himmler die Klage des ZDF in Karlsruhe. Wenn Länder KEF-Empfehlungen ohne triftige Gründe nicht umsetzten, sei der Gang zum Bundesverfassungsgericht unausweichlich. Kurzfristig könne das ZDF zwar auf Rücklagen zurückgreifen, mittelfristig drohten jedoch Einschnitte – und mehr Wiederholungen im Programm.


Himmlers Fazit vor über 60 Gästen im ausgebuchten Clubraum im Palais Livingston: „Der Anspruch `ZDF für alle´ ist schwierig, aber notwendiger denn je.“

Der Clubabend im Video