Mittwoch, August 25, 2004

Warum "Hotel Falckenstein"


"Hotel Falckenstein" steht als Synonym für Sehnsucht. Nach etwas anderem, was sich hier in Frankfurt so schwer finden lässt. Es hat in Berlin wieder angefangen, vor vier Wochen. Und ich lass das jetzt mal so treiben. Stefan´s Blog hat mich inspiriert, im Sommer 2004 ein Blog namens "Hotel Falckenstein" zu schreiben. Mal sehen, was draus wird.

Eine Sommerreise nach Berlin und zurück

Donnerstag, 29. Juli 2004

Langsam gleitet der ICE durch die Baustelle Lehrter Bahnhof. Sanft glitzert der Vollmond auf der Spree. Reichstag, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Paul-Löbe-Haus, Tränenpalast Friedrichstrasse. Ostbahnhof. Warschauer Strasse, Schlesisches Tor. Endstation ist das “Hotel Falckenstein”. Hier, im Wrangelkiez von Berlin, werde ich die nächsten Tage verbringen.
Das “Bagdad” an der Ecke verkauft weit nach Mitternacht immer noch erstklassige Döner. Ist politisch korrekt, hier essen zu gehen. Solange Bush an Massenvernichtungswaffen im Irak glaubt. Im Fernseher über der Theke meldet sich John F. Kerry zum Dienst und berichtet von seiner Jugendzeit in Berlin. Am nächsten Morgen schreibt der “Tagesspiegel”, dass Al Jazeera länger über den US-Parteitag der Demokraten berichtet als CNN und NBC. Im Mudd Club rocken die “Girrl Groups against Bush”. Und die “BZ” fühlt sich berufen, das Deutsch-Amerikanische Volksfest an der Clayallee zu beleben, indem sie Rabatt-Gutscheine offeriert.


Amerikanische Außenpolitik interessiert heute nacht im “Roses” in der Oranienstrasse keinen mehr. Es ist kurz vor halb zwei und die Dunkelheit schluckt gnädig alle Hinterlassenschaften auf dem Bürgersteig. Die Mischung aus warm-rosa Kitsch und dunkelrotem Hardcore-Plüsch an den Wänden der Bar empfinde ich in Anbetracht der sommerlichen Temperaturen von fast 30 Grad als wahre Herausforderung. Jörg, Ralph und ich sitzen vor dem Eingang auf den Stufen und trinken Averna, Gin Tonic und gekühlten Soave. Was habe ich seit April 2002, als ich Berlin verlassen habe, denn nun wirklich vermisst? 

Den Müll auf den Strassen, die unzähligen zerschlagenen Bierflaschen, die gescratchten Scheiben in den Bussen und Bahnen der Berliner Verkehrsbetriebe? Ordnungs-hygienisch erreicht der Wrangelkiez in manchen Straßen locker Dritte-Welt-Level. Doch auch das erst im Januar eröffnete fünf Sterne Hotel Ritz-Carlton am Potsdamer Platz ist wegen Legionellen in den Wasserleitungen schon wieder geschlossen. Im ersten nächtlichen Vergleich erscheint Frankfurt geradezu paradiesisch clean. Ein Typ schiebt sein Fahrrad an uns vorbei und schnorrt eine Zigarette. “Der wird sicher auch noch gehartzt,” sagt Jörg zu mir und hält ihm die geöffnete Schachtel Cabinet entgegen. Ralph zückt das Feuerzeug. Wir unterhalten uns über Beziehungen. Erst generell, dann im besonderen. Mit Augenzwinkern stellt Ralph fest, dass man ab einem gewissen Alter einfach für jedes Angebot dankbar sein sollte. Ich beschließe, morgen intensiver darüber nachzudenken.

Freitag, 30. Juli .2004

Frühstück um 11.00 Uhr. Eine suizidale Wespe attackiert zum x-ten Mal gierig-debil mein Aprikosenmarmeladen-Brötchen. “Die sehen nur klar, wenn sie richtig schnell fliegen,” sagt Jörg. “Schwarz-Gelb” hat einfach was Bestechendes. Ziemlich unmotiviert fällt mein Blick auf eine Anzeige im “Tip”. Jägermeister geht mit der “Bloodhound Gang” auf die Pirsch, um am nächsten Wochenende gemeinsam das schönste Arschgeweih Berlins zu küren. Trotz alledem hat meine Partei diesen Sommer irgendwie die politische A….karte gezogen.


In einem Anfall von überschäumender Nostalgie besuche ich das westliche Kreuzberg, wo ich von 1999 bis 2002 mal gelebt habe. Die Hitze wabert unbarmherzig über dem Asphalt in der Grossbeerenstrasse. Anscheinend trotten nur von allen guten Geistern verlasse Touristen bei sommerlich heißen Temperaturen durch Berlin. Sogar die früher immer im Grünstreifen der Yorckstrasse rumwuselnden Ratten haben sich verzogen. Bei 30 Grad im Schatten würd´ ich allerdings auch nicht im Pelz spazieren gehen.
Elementares wie die kulinarische Versorgung sind in meinem alten Revier nach wie vor gesichert. Schusterjungs vom Leckerback, Chicken-Chop-Suey vom vietnamesischen Asia-Imbiss, Mini-Pizza mit Brokkoli aus Capri, Döner-Frühstück vom Multi-Grill, Pommes mit Wurst von der Curry 36, Cocktails in der Zyankali-Bar, Milchkaffee im Wirtschaftswunder. Der Inder vom Shiwa-Snack hat sein Restaurant trotz Rezession ums Doppelte vergrößert. Nur der völlig unüberschaubare Kaufmannsladen von “Reichelt” an der Ecke hat aufgegeben. Irgendwie verkraften die Deutschen die Folgen der Rezession anscheinend am Schlechtesten.

Der Wasserfall im Viktoria-Park funktioniert schon wieder – oder immer noch – nicht. Zur Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Napoleon hat Schinkel auf dem Kreuzberg im vorvorletzten Jahrhundert ein Nationaldenkmal errichtet. Ganz frisch ist dagegen das Schild am Eingang. “Grillen im Park verboten”. Als mir der Geruch von Kebab in die Nase steigt, denke ich an Don Quichotte, Sancho Pansa, Windmühlenflügel und Beamte in der Stadtverwaltung. Irgendwie fühle ich mich wieder zuhause.
Am Abend filosofieren wir bei Chardonnay und Gin Tonic bis tief in die Nacht vor dem alten Speicherhaus von “Universal”. Über Dinge, die Menschen miteinander verbinden. Zusammengekettete Plastikliegen zum Beispiel. Auf denen alle gleichzeitig hochschnellen, wenn einer aufsteht, um an die Bar zu gehen. Mein Blick schweift über den Sternenhimmel von Berlin. Die Urne, die im Bestattungshaus Kußerow in der Falckensteinstrasse im Schaufenster steht, ist mit winzigen silbernen Sternen auf dunkelblau poliertem Lack übersät. Ein ausgesprochen romantisches Ende, denke ich beim Blick in die klare Vollmondnacht.

Samstag, 31. Juli 2004


Außer Wespen und Hartz IV behelligen einen im Wrangelkiez von Berlin mehr oder weniger nur durchgestylte Party-People, die nach dem Weg fragen. Wie Heuschrecken die Ernte haben die Edlen und Schönen nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain nun die Gegend zwischen Schlesischem Tor und Heckmannufer als Freilauf-Arena entdeckt. Latte Macchiato im “Cafe im Grenzbereich”, Extase im “WaterGate”, Chillen auf dem “Badeschiff”. Das sind die drei der wichtigsten Koordinaten im Vergnügungsdreieck in diesem Kreuzberger Sommer des Jahres 2004.

“Florinda Schnitzel” bietet quietschbunte Designermode zum wahnsinnig günstigen Summer Sale. Der “Barbie Deinhoffs Fugidiva Freundschaftsclub” präsentiert neben Getränken wunderhübsche Terror-Barbie-Puppen auf der Theke. Und die mit mit rosa Samt überzogenen Spielzeugpanzer im “Tristesse” künden mit einem fetten “Fuck” wie kleine Steiftiere von einer anderen Revolution.

Zugegeben, das “Badeschiff” zwischen Oberbaum- und Elsenbrücke ist absolut faszinierend. Der mit 25 Grad Celsius warmen Wasser geflutete Leichter vom Verein Stadtkunstprojekte e.V. und der Initiative “constructed connections” ist die ultimative Oase im Großstadtdschungel. Eine Insel zum Seele baumeln lassen. Eine Hommage an die Spree. Und ein wunderbarer Ort für Kommunikation. Ich frage mich ernsthaft, ob so ein Projekt in Frankfurt eine Chance hätte. Gut, ein bisschen gewagt ist es schon, zu hoffen, dass Banker die Nadelstreifen herunterlassen, um zwischen Eisernem Steg und Holbeinsteg baden zu gehen.


Frankfurt entwickelt in diesem Sommer irgendwie zunehmend Merkwürdigkeiten. Mir ist unerklärlich, warum eine “Silent Disco” vom Volkstanzkomitee trotz Kopfhörern gutbetuchten Anwohnern die Zornesröte ins Gesicht treibt. Und Vertreter des Ordnungsamtes auf der Weseler Werft für ultimative Ruhe sorgen müssen. Selbst in Altenwohnanlagen ist ab und zu Musik erlaubt. Aber in Frankfurt darf Sonntags ja auch kein Waschsalon geöffnet sein, was in Berlin irgendwie undenkbar wäre. Ruhig ist es dagegen sicher im zukünftigen Unterwasserparkschloss, von dem die Frankfurter CDU träumt. In Berlin würde man solche Pläne mindestens um eine Tauchschule bereichern und das Piranha-Becken aus dem Zoo integrieren. Plus Fisch-Curry mit Pommes vom Grill zur Stärkung anbieten.

Besonders nachts erscheint die “Hauptstadt der Beamten” deutlich lösungsorientierter als die “Hauptstadt des Verbrechens”. Der U-Bahnhof Möckernbrücke wird kurzfristig gesperrt. Jemand hat einen herrenlosen Aktenkoffer gemeldet. Kurzerhand lässt der Einsatzleiter den unschuldigen Laptop, der nicht schnell genug widerspricht, sprengen. Mit Ralphs Handy w@ppen wir uns zielsicher um solche Verkehrsstörungen zur “Sharon Stonewall Bar” in der Linienstrasse. Einfach nur die Standortnummer an 77377 schicken. Postwendend kommen die nächsten fünf Abfahrten per SMS aufs Display. Fortschrittlich, denke ich. Immerhin feiern die Berliner Verkehrsbetriebe diese Woche ihren 80. Geburtstag. Aber auch in Frankfurt macht sich der RMV auf den Weg in die Zukunft. 

Fahrkartenautomaten, die ein technisches Problem haben, melden sich jetzt von allein per SMS bei ihrem zuständigen Techniker in der Zentrale.
Als die U6 mit ihren gelben Waggons in die Station “Oranienburger Strasse” einfährt, denke ich an Subaru Vista Blue und Rot-Weiss. “Hab ich Dir eigentlich gesagt, dass die Französische Strasse jetzt auch für den Durchgangsverkehr geöffnet werden soll?” sagt Ralph auf unserer Fahrt durch den Berliner Untergrund. Das Berliner Fantasy Filmfest eröffnet in einigen Tagen mit dem ungarischen Thriller “Control”, der Mutter aller U-Bahn Thriller. In dem Film läuft der Held Gefahr, den Verstand zu verlieren, weil er das U-Bahn-System seit Jahren nicht mehr verlassen hat. Wir erblicken das Licht der Welt sechs Stationen weiter am Nollendorfplatz vor Piscators “Metropol”. Endstation für heute nacht ist die “Heile Welt” in der Motzstrasse. Als ich Chardonnay bestelle, reicht uns der Kellner mit strahlenden Augen himmelblaue Fächer. “Weil es hier so warm ist”, lächelt er.

Sonntag, 01. August 2004

Ralph hat um 11.00 Uhr Dienst. Aus Solidarität hole ich Frühstücks-Schrippen. Der Moderator von “Radio 1″ stellt die ketzerische Frage “Gefallen Sie sich, wenn Sie in den Spiegel sehen?” Hat er zuviele Zuhörer? Ungeschminkt, mit Shorts, Top und Riemchensandalen ist man zu dieser Zeit im Kiez, wo etwa 12.500 Menschen verschiedenster Nationalitäten leben, fast schon overdressed für die Strasse. 40 Prozent der Bevölkerung hier ist nichtdeutscher Herkunft. Was einem als Sachsenhäuser spontan sympathisch ist. Der Anteil der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger liegt im Ostteil von Kreuzberg deutlich über 30 Prozent. Vor “Alons Heisser Kiste” grüßt mich ein Mann im fluffig gemusterten Leoparden-Polyesterhemd. “Endlich Sommer, wa?” Der tätowierte Langhaarige neben ihm auf der Bank, der das eindeutig flüssige Flaschen-Frühstück zum Gruß hebt, ist anscheinend seit Jahrzehnten jedem Zahnarzt mit Erfolg aus dem Weg gegangen.


In “Radio 1″ singt Anastacia “Sick and Tired”. Der Morgen-Moderator plaudert über die neuesten Meinungsumfragen. Hartz IV führe bei der Brandenburger Landtagswahl am 19. September zur “Renaissance der PDS”. 30 Prozent für die ehemalige SED-Partei, die verkündet, sich an die Spitze der geplanten Montagsdemos setzen zu wollen. Ich befürchte, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird die Welt der Männer und Frauen vor “Alons Heisser Kiste” nicht nachhaltig verändern. Sie werden, wie Jörg immer sagt, einfach nur “gehartzt”. Die 16-seitigen Formulare und die erbitterte Debatte um den Auszahlungstermin von ALG II im Februar verdecken, dass die meisten im Kiez wahrscheinlich auf unendlich lange Zeit gar keine Job-Perspektive haben werden.


Die SPD Parteizentrale in Kreuzberg stellt Bilder und Skulpturen von Willy Brandt aus. Sein Kniefall vor dem Denkmal der Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes ging am 7. Dezember 1970 um die Welt. Heute ist Schröder als erster Kanzler der Bundesrepublik zum 60. Jahrestag in Polen eingeladen. Durch das Glasdach der SPD-Parteizentrale fallen Sonnenstrahlen auf die 3,40 Meter hohe und 500 Kilo schwere Bronzefigur im Atrium. Ältere Genossinnen und Genossen stört an der Plastik von Rainer Fetting, dass der Anzug von Willy Brandt so schlampig-verknittert aussieht. Mit ungebügelten Hosen sei der erste sozialdemokratische Kanzler niemals herum gelaufen, empören sie sich. Ob ihm das Aussehen der Hose wirklich wichtig wäre? Was würde der Mann, der damals so enorme gesellschaftliche Veränderungen in Bewegung setzte, heute über den Zustand seiner Partei sagen?

Zur Einweihung des umgebauten Olympiastadions besiegt Hertha BSC Besiktas Istanbul im deutsch-türkischen Heimspiel mit 3:1. Die Sehnsucht nach erstklassigem Fußball schmerzt beim Blick auf die blaue Tartanbahn, die man sich CI-konform zur Hertha gönnt. Auf der Fahrt zum Flughafen Tegel hoffe ich, dass der Adler der Frankfurter Eintracht bald wieder ruhmreich aus dem Baustaub des neuen Waldstadions aufsteigt. Meine Freundin Marion kommt mich besuchen, sie übernachtet im Estrel. Im “Koma” an der Sonnenallee bestellt sie Bier und ich Weißwein. Eine mitleidig blickende Kellnerin bringt ein Glas süßlich warmen Mosel-Saar-Ruwer. So ähnlich muss Glykol schmecken, vermute ich.

Montag, 02. August 2004

Bin seit heute morgen allein verantwortlicher House-and-Flower-Sitter vom “Hotel Falckenstein”. Ralph und Jörg sind nach Polen gefahren. In “Radio 1″ stellt Friedrich Küppersbusch lakonisch fest, dass die Woche gut anfängt. Der Papst entwickele mit seiner Schrift “Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt” ernsthaft Ehrgeiz “mit der SPD um die höchste Austrittszahl an Mitgliedern zu konkurrieren”.



Ich beschließe, den Rest des Tages mit Shopping zu verbringen. Der Swatch-Laden in den Arkaden am Potsdamer Platz verkauft “Bunnysutra” Uhren. Als Entscheidungshilfe für Lebenslagen, wo ein sanftes Klopfen auf die Zeiger der Uhr zur Positionsbestimmung genügt. Will Smith besucht abends die Premiere von “I,Robot”. 5000 begeisterte Fans feiern die Rap-Einlage des Hollywood-Stars im Sony Center. Das als überdimensionales Zelt konstruierte Dach stammt von Helmut Jahn, der von 1988 bis 1991 auch den Frankfurter Messeturm errichten ließ. Ein schwarzer BH fliegt auf die Bühne. Das Bild, als Smith das Wäscheteil mit triumphierendem Grinsen in die Kameras hält, geht noch am Abend über alle Agenturen.

Dienstag, 03. August 2004

Wer hätte vor einigen Wochen drauf gewettet, dass sich die Ausführungsverordnung eines so dröge daherkommenden technokratischen Wortes wie “Hartz IV” im publizistischen Sommerloch zur Killer-Applikation für die rot-grüne Bundesregierung entwickelt? Die “BZ” verkündet, dass die “Treibjagd auf die Kindersparschweine” eröffnet sei. Der Aspekt der Vorsorge ist anscheinend im Getümmel um Fördern und Fordern untergegangen. Ist es eigentlich gerecht, dass demjenigen, der sich jahrelang ein bisschen mehr Urlaub gegönnt hat anstatt Verzicht zu üben, nun die gleiche Hilfe zusteht wie dem, der für die Zukunft gespart hat?


Ich blättere mich am Oststrand hinter der 1,3 Kilometer langen “East Side Gallery” durch den bundesdeutschen Mediendschungel des Tages. Und höre “Wir sind wir” von Paul von Dyk featuring Peter Heppner. Wie dekadent ist es, fast 15 Jahre nach dem Fall der Mauer, im ehemaligen Todesstreifen im blaugestreiften Liegestuhl in der Sonne zu liegen und Caipirinhas zu ordern? Früher war die Mauer mit bloßem Auge aus dem Weltraum zu erkennen. Heute ist sie fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden. Nur ein gepflasterter Kopfsteinstreifen ist alles, was an die Teilung der Welt in Ost und West erinnert. Mindestens 152 Menschen sind bei Fluchtversuchen über den “antifaschistischen Schutzwall” ums Leben gekommen. Damals waren die Sandflächen Teil einer ausgeklügelten Anlage, auf denen Flüchtlinge Fußspuren zur Identifizierung hinterlassen sollten. Mein Blick fällt auf die Oberbaumbrücke, die während des Kalten Krieges von West nach Ost nur mit Passierschein, für den man stundenlang anstand, überquert werden durfte. Heute verbindet die quietschende U1 die Bahnhöfe “Schlesisches Tor” und “Warschauer Strasse” im Minutentakt.

Mittwoch, 04. August 2004

Ich stelle fest: jeder publizistische Gau ist definitiv ausbaufähig. “Radio 1″ verkündet, dass die Bundesregierung zu “Hartz IV” eine andere Meinung habe als die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag. Das alles sei jedoch keinesfalls die Meinung der Partei, hätte ein Sprecher im Willy-Brandt-Haus bestätigt. Weil sie das alles auch irgendwie nicht mehr verstehen, beantragt die CDU eine Sondersitzung für den Ausschuss Wirtschaft und Arbeit. Das ist eine sehr vernünftige Idee. Denn die Anrechnungshöhe der Freibeträge und die daraus entstandene Hysterie um die Schlachtorgie der Kindersparschweine ist Ende Mai auch auf dem Vermittlungsmist der Union gewachsen. Rammstein stürmt mit “Mein Teil” die Charts. Tanzen zum Kannibalen-Song ist diese Woche einfach nur hipp. Hoffentlich ist die Harmoniesucht meiner Parteioberen diesmal weniger ausgeprägt als bei der Einführung der Praxisgebühr im vergangenen Winter.


Dieses Jahr, erklärt die “BZ”, ist der Sommer der Horror-Wespen. Die Schwüle mache die schwarz-gelben Tierchen unendlich aggressiv, sagt ein Biologe vom BUND. Das erklärt wahrscheinlich, warum Edmund Stoiber die neue Popularität von Guido Westerwelle als sportliche Herausforderung empfindet. Die “Süddeutsche” berichtet von einer internen Sitzung, wo der bayrische Ministerpräsident heftig am Gewinner-Potenzial von Merkel und Westerwelle gezweifelt habe. “Leichtmatrosen” könnten Schröder und Fischer bei der nächsten Bundestagswahl in 2006 nicht das Wasser reichen. Irgendwie ist das ein echter Bombensommer zum Baden. Stoiber geht genauso schnell unter wie Friedrich Merz, der die Regierungsfähigkeit seiner Partei mit steuerfinanzierter Kopfpauschale, Abschaffung des Kündigungsschutzes und PKW-Maut für neue Autobahnprojekte zu profilieren versucht. Im Müggelsee stoßen Taucher zum zweiten Mal in dieser Woche auf Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg. Die komplette Beräumung des Sees würde etwa 50 Millionen kosten. Preisgünstiger ist es, so ein wackerer Don Quichote der Berliner Stadtverwaltung, einfach Baden, Tauchen und Boot fahren bis auf weiteres zu verbieten.


Ich gönne mir einen Tag Auszeit von der Hauptstadt und fahre nach “Tropical Island” in Brand. Die malaysisch-britische Investorengruppe Au/Tanjong errichtet bis Ende Dezember in der größten frei tragenden Halle der Welt für 70 Millionen Euro einen Freizeitpark mit Badestrand und Regenwald. Erwartet werden jährlich 2,5 bis 3 Millionen Besucher. Sehr ambitioniert, denke ich mit Blick auf die Kipplaster, die unter ohrenbetäubender Akustik Sand in der Halle aufschütten. Auf der Fahrt durch den Spreewald wird klar, dass auch die PDS und die DVU “Hartz IV” als Kampagnenthema zum Sprung in den Landtag entdeckt haben. Direkt unter einem Plakat des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, auf dem er zugegebener Maßen irgendwie leicht übernächtigt aussieht, hängt fett der DVU-Slogan “Kriminelle Ausländer raus”.

Donnerstag, 05.08.2004

Im Streit um die Arbeitsmarkt- und Sozialreformen meldet sich nun auch der Bundespräsident zu Wort. “Hartz IV” ist endlich gaaaanz oben angekommen. Fehlt nur noch das Kanzlermachtwort. Horst Köhler zeigt Verständnis für die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger. Betroffene sollten als Menschen und nicht als Nummern behandelt werden. Da hat er recht, denn ich schaffe es auch nicht, die Hartz-Formulare komplett auszufüllen. Außerdem verstehe ich die Auszahlungslücke im ALG II nicht. Irgendwie ist in meiner Rechnung im Februar noch viel Monat am Ende des Geldes. Zumindest Matthias Platzeck hat verstanden, dass die Berliner Ministerialbürokratie niemand versteht. Sagt er im Interview in “Radio 1″. Ob Wolfgang Clement wenigstens das versteht?


Morgen habe ich einen schweren Gang vor mir. Besuch in der Vergangenheit. Ich überlege, ob ich mir vorher zur Ablenkung im Cinema Paris “Nathalie” gönne. Eine intelligente Ménage à trois. Der Film verspricht Erotik im Kopf. “Wen liebst Du heute nacht?” fragt mich der Untertitel auf dem Kinoplakat. Oder würde der Spießer in “Muxmäuschenstill”, der in den Yorck-Kinos läuft, meine leicht melancholische Stimmung treffen? “Radio Multikulti” spielt Heimatklänge und bringt eine Hommage an Henri Cartier-Bresson, der wenige Tage vor seinem 96. Geburtstag in der Nähe von Marseille gestorben ist. Seine berühmtesten Fotos werden gerade in einer Werkschau im Martin-Gropius Bau gezeigt. Vielleicht sollte ich dort den Abend verbringen?


Letztendlich lasse ich mich planlos im Wrangelkiez zwischen Touristen und anderen Außerirdischen treiben. Vorbei am “Myslivska” an der Ecke Schlesische Strasse/ Cuvrystrasse. Dort, wo im vergangenen Jahr im Haus Nummer 9 jemand einfach 200 volle Umzugskartons im Flur ansteckte und ein Toter und viele Verletzte zu beklagen waren. Vorbei am Sperrmüll-Mobiliar der “Neuen Bohnen” auf dem Bürgersteig. Direkt neben dem ehemaligen Obdachlosenasyl, das seit kurzem das Standesamt beherbergt. Vorbei am “Freischwimmer” und dem “Club der Visionäre” im Flutgraben. Auf den Treppen des “Badeschiffs” genieße ich den Sonnenuntergang. Vor der Elsenbrücke fallen die letzten Sonnenstrahlen auf den “Molecule Man” von Borowsky, dem Frankfurt den “Hammering Man” am Messeturm verdankt. Völlig unvermutet habe ich das erste Mal seit einer Woche plötzlich heftige Sehnsucht nach Hause.

Samstag, 07.08.2004

Es ist 6.00 Uhr morgens und ich habe neue Nachbarn. Wir sitzen an der südwestlichen Ecke der Neuen Nationalgalerie auf dem noch kühlen Steinboden im Schatten und trinken Kaffee, den die Familie aus Potsdam aus dem mitgebrachten Picknickkorb neben mir spendiert. Tag für Tag sammelt sich die Schlange der Kunstnomaden aufs Neue, um geduldig wartend dem “MoMA in Berlin” zu huldigen. Der “Tagesspiegel” fragt: “Warum tun sie das?” Ja, warum tu ich das? Um mir die Antwort nicht schuldig zu bleiben, zähle ich 180 Menschen vor mir bis zum Eingang. Also eine durchaus realistische Chance, es bis 12.00 Uhr zu schaffen. Um 9.30 Uhr öffnet die Kasse, um 10.35 Uhr schließt sie mit dem Hinweis, dass alle, die jetzt noch ein Ticket erstehen, heute nicht mehr rein kommen. Ein weiblicher MoMAnizer sorgt dafür, dass sich niemand mehr am Ende der Menschenschlange, die sich mittlerweile zweimal um das Museum ringelt, anstellt.


Manche Skulpturen wie z.B. Alberto Giacomettis “Frau mit durchschnittener Kehle” wirken befremdend. Exponate wie “Weiße Wut, rote Gefahr, gelbe Gefahr, schwarzer Tod” von Bruce Nauman haben dagegen etwas sehr Inspirierendes. Zwei Stahlträger und vier bemalte Metallstühle, mit einem Stahlseil im Raum verbunden, fördern den Lauf der Gedanken. Bilder von Dali wie “Die erleuchteten Vergnügen” oder “Die Beständigkeit der Erinnerung” sind in Realität winzig klein und wirken sehr filigran. Beeindruckend empfinde ich “Der Tanz” von Henry Matisse und “Knabe, ein Pferd führend” von Pablo Picasso.


870.000 Menschen haben die Ausstellung bis jetzt gesehen. Der Warterekord liegt laut Aufsicht bei neun Stunden. “Theoretische Minimalwartezeit ist null Stunden. Macht einen Mittelwert von viereinhalb. 870.000 mal viereinhalb, das sind beinahe vier Millionen Stunden, das sind ungefähr 163.000 Tage, das sind 446 Jahre und ein halbes. Sechs Menschenleben, mitteleuropäische, dauern so lang.” beziffert der “Tagesspiegel” die MoMA-Schlange. Kinder sind in der Schlange noch nicht geboren worden, gestorben ist auch niemand. Als ich kurz nach drei aus der Berliner Nationalgalerie wieder ins Sonnenlicht trete, komme ich aus einer anderen Welt.

Sonntag, 08.08.2004

Heute kommen Ralph und Jörg aus Krakau zurück und mein House-and-Flower-Job im “Hotel Falckenstein” hat sich erledigt. Ich hab´ die Jungs doch sehr vermisst. In “Radio 1″ läuft “Spiel mit” von 2Raumwohnung und ich packe, um mein Schlafasyl zu wechseln. Im Kopf bin ich schon wieder unterwegs, Tage bevor ich in den ICE 109 nach Frankfurt steige. Beim Bäcker Lider hole ich Abschiedsbrötchen. Im Fenster lädt ein Plakat zum ersten Berliner Suppenfestival im September in den Wrangelkiez ein. Hauptspeise der “fête de la soupe” ist? Was wohl, Suppe natürlich. Nach Rezepten aus unterschiedlichen Ländern. Suppe verbindet Kulturen, Generationen und Lebensgemeinschaften, sagen die Initiatoren. Eine Jury wird die köstlichste Suppe des Tages ermitteln. Ich versteh den Flyer als Einladung und packe ihn ein. Als Erinnerung, um in Frankfurt nicht zu vergessen, mal wieder über den eigenen Tellerrand zu kucken.