Freitag, April 27, 2012

Vorwärts: "Suche nach der Wahrheit"


Debora Weber-Wulff, Professorin und Plagiatsforscherin: „Das Rezept ist einfach, meist reicht etwas IT und ein wenig Gehirnschmalz. Den Rest erledigen die Rechtschreibfehler.“ (Foto: Petra Tursky-Hartmann)
   

Sie heißen „GuttenPlag“ oder „VroniPlag“. Über das Internet wurden mehre Politiker überführt, die bei wissenschaftlichen Arbeiten Plagiate abgeliefert hatten. Über Copyright-Verletzungen ging es bei der Veranstaltung „Fingerabdrücke im Netz“ der Hessischen SPD-Landtagsfraktion.

von Petra Tursky-Hartmann

Der „Tagesspiegel“ hat sie als „Jäger des verlogenen Satzes“ bezeichnet, als die Plagiatsforscher im vergangenen Jahr den CSU-Verteidigungsminister mit ihrem „GuttenPlag“ zu Fall brachten. Um herauszufinden, wie man mit Copyright- und Urheberrechtsverletzungen in der digitalen Welt umgehen muss, welchen Einfluss das Internet auf Wissenschaft, Bildung und Kultur hat, und ob neue Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter bildungsferne Schichten ausgrenzen, hatte die SPD-Fraktion im Hessischen Landtag unter dem Titel „Fingerabdrücke im Netz – Chancen und Risiken der Transparenz im Internet“ Experten und Medieninteressierte nach Wiesbaden eingeladen.

Gastrednerin Debora Weber-Wulff, Professorin und Plagiatsforscherin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, war außerordentlich dankbar, dass ausgerechnet der damalige Verteidigungsminister zu Guttenberg dieses spannende Thema „aus der Wissenschaft heraus an die Stammtische“ getragen habe. Bei der Plagiatsforschung ginge es jedoch nicht nur um Personen, sondern „um die Werte Dritter“. Das Engagement dieser Experten speise sich aus einer „riesigen Wut, wenn ein Plagiat als Wissenschaft vermarktet und verkauft werde“.

Warnsignal an die Universitäten

Gemeinsames Ziel der Plagiatsforscher vom „GuttenPlag“ und „VroniPlag“ sei „die Suche nach der Wahrheit“. Für ihre umfangreichen Recherchen reiche den Forschern oftmals die Suchmaschine Google. „Das Rezept ist einfach, meist reicht etwas IT und ein wenig Gehirnschmalz. Den Rest erledigen die Rechtschreibfehler.“ Um gezielter nach Plagiaten forschen zu können, forderte Weber-Wulff „Open Access“ für alle Bibliotheken. Open Access bedeute jedoch nicht, dass alles umsonst sei, widersprach ihr Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in der sich an ihren Vortrag anschließenden Diskussion.

Ein Plagiat, so Weber-Wulff, sei aber auch ein Warnsignal, dass etwas an unseren Universitäten „nicht funktioniere“. Drei Jahre um einen Bachelor-Abschluss zu erreichen, seien einfach zu kurz und die Menge an Studenten, die durch die Hochschulen geschleust werden, einfach zu groß. „Unter diesen ökonomischen Bedingungen“, zog Weber-Wulff ernüchtert Bilanz, „sei es einfach nur logisch, zu plagiieren!“ Hier sei die Politik gefordert, andere Werte zu vermitteln.

Was beliebt ist auch erlaubt?

Dass die IT-Technologie den „Diebstahl geistigen Eigentums“ so einfach ermögliche, sei nicht gleichbedeutend damit, dass geistiges Eigentum keinen Wert habe, wandte Wolfgang Weyand, Vorsitzender des Clusters der Kreativwirtschaft in Hessen (CLUK), ein. Er forderte von der Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag, den Begriff des „geistigen Eigentums“ konsequent zu schützen. Wenn es keinen Unterschied mehr mache, ob man Musik im Netz legal oder illegal erwerbe, bekomme jede Gesellschaft langfristig „ein richtiges Problem“.

Die innenpolitische Sprecherin Nancy Faeser unterstützte seine Forderung, dass auch das geistige Eigentum in unserer Gesellschaft Schutz brauche. „Schülerinnen und Schüler wissen leider oftmals nicht, was online verboten beziehungsweise erlaubt ist“, gab der medienpolitische Sprecher der SPD Michael Siebel am Ende der Debatte zu bedenken. Leider gebe es heute auch eine Elterngeneration, die überhaupt keine Ahnung habe, was alles im Internet passiert.