Mittwoch, Januar 03, 2018

Mein Ur-Ur Großvater war Maurer auf dem Kölner Dom

So, hier sind die Fotos von meinem Besuch im Kölner Dom, am Tag, als Burglind über Deutschland fegte und die Domplatte weiträumig wegen "Steinschlag" abgesperrt war (und somit auch der Südturm gesperrt war). Der Kölner Dom ist mit 157,38 Metern Höhe nach dem Ulmer Münster das zweithöchste Kirchengebäude Europas sowie das dritthöchste der Welt. Und wenn man davor steht, dann wirkt er doch sehr beeindruckend. Also wenn ihr die Zeit habt, es lohnt sich, mal hinzufahren. Schon spannend zu wissen, dass mein Ur-Ur-Opa als Maurer 1880 da mit gebaut hat.

Mein Ur-Großvater Peter Riedle ist nämlich 1881 in Köln-Ehrenfeld geboren, weil sein Vater, also mein Ur-Ur-Großvater Peter Riedle (1845 geboren) damals als Maurer auf dem Kölner Dom beschäftigt war (der auf Anweisung von Kaiser Wilhelm I. nach 400 Jahren endlich fertiggebaut werden sollte). Und deshalb ist Peter Riedle der II. (der Begründer unserer Riedle-Familien-Dynastie) in Köln - und nicht wie alle anderen - in Bad Kreuznach oder Roxheim oder Rüdesheim geboren.

In Köln-Ehrenfeld lebten bis Mitte des 19. Jahrhunderts offiziell nur 32 Menschen auf einigen Bauerngehöften. Aber durch Industrialisierung und Bevölkerungszuwachs brauchte Köln preiswerten Wohnraum, deshalb entstanden 1845 in Köln-Ehrenfeld die ersten Wohnhäuser an der Venloer Straße. 1863 wurde die "Katholische Volksschule" errichtet. Und in der Venloer Straße die St. Josephs Kirche - in der unser Ur-Opa (bzw. für Steffen und Hansjörg der Opa) Peter Wilhelm II 1881 katholisch getauft wurde - errichtet. Die Familie Riedle lebte zwischen 1878 und 1882 in Köln-Ehrenfeld in der Vogelsangerstraße 24. Ich habe im Internet nur ein Foto von 1980 gefunden, das zeigt, dass in die Vogelsangerstraße 24 eine Bäckerei eingezogen ist. Vor zwei Jahren wurde das Haus endgültig abgerissen, und ein modernes, viergeschossiges Haus (mit grünen Fenstereinfassungen) in der Baulücke hochgezogen. Spannend fand ich, dass quasi "um die Ecke", wo die Riedles lebten, damals ein 44 Meter hoher Leuchtturm der Helios AG errichtet wurde (übrigens der einzige Leuchtturm in Deutschland, der nicht am Meer steht). Die Helios AG war 1882 für elektrisches Licht und Telegraphenanlagenbau gegründet worden und war damals europaweit maßgeblich für die Elektrifizierung von Industrie und Verkehrstechnik im öffentlichem Raum im Geschäft. Aber durch wirtschaftliche Schwierigkeiten ist das Unternehmen 1905 von der Berliner Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) übernommen worden. Erst 1996 hat sich die Stadt dem (fast verfallenen) Leuchtturm im Rahmen einer Rekonstruktion wieder angenommen und ihm ein neues Lampenhaus verpasst. Der Turm, der nie eine Funktion als Seezeichen hatte, leuchtet seitdem als Wahr- und Erinnerungszeichen einer untergegangenen Industrie über Köln-Ehrenfeld.

In der Vogelsanger Straße 100 produzierte 1874 übrigens auch Ferdinand Muelhens das weltberühmte "4711" (vielleicht hatten unsere Omas ja deshalb ein Faible für das Kölnische Wasser???) Es soll in der Straße - trotz Industrie - ja auch nach Tosca usw. geduftet haben. Aber die Kölner erzählen ja gerne Geschichten. Zum Beispiel die, dass "4711" so heißt, weil Napoleon 1795 verfügt hatte, dass alle Häuser in Köln Hausnummern bekommen sollten. Ein französischer Offizier habe dann, hoch zu Ross, die Hausnummer 4711 mit dem geschwungen umschriebenen No. (für frz. numéro) auf die Fassade des Hauses in der Glockengasse geschrieben (wo 4711 produziert wurde, bevor man mit dem Werk in die Vogelsangerstraße 100 nach Ehrenfeld umgezogen ist. Die Hallen stehen dort noch heute...).

Interessant fand ich im Kölner Dom den Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige (passt ja heute zum 6. Januar), die größte und künstlerisch bedeutendste Reliquie des Mittelalters. Der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel hat die Gebeine der Heiligen Drei Könige 1164 von Mailand nach Köln gebracht, nachdem diese ihm Kaiser Friedrich I. aus seiner Kriegsbeute geschenkt hatte. Und da zu viele Pilger nach Köln in den alten Dom kamen, um den Schrein mit den Heiligen Drei Königen anzuschauen, begann man ab 1225 einen neuen Dom zu planen und auch zu bauen. Leider wurde er erst 1880, nach über 600 Jahren  vollendet, getreu den Plänen der Kölner Dombaumeister des Mittelalters von 1280. Also wenn noch mal einer wegen dem Berliner-Flughafen rummöppert, dann bitte mal kurz zum Kölner Dom zeigen, Dinge für die Ewigkeit dauern manchmal eben ein bisschen länger.

Künstlerisch spannend fand ich auch das Südquerhausfenster nach einem Entwurf von Gerhard Richter. Denn das erste, 1863 eingesetzte Fassadenfenster des Südquerhauses (das drei heilige Herrscher und drei heilige Bischöfe zeigte), war im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und 1948 durch eine farblose Ornamentverglasung ersetzt worden. Der Künstler hat 2007 die gesamte Fläche in 11.263 Quadrate von 9,6 cm Kantenlänge aus mundgeblasenem Echt-Antikglas in 72 verschiedenen Farbtönen aufgeteilt.
Mittels Zufallsgenerators hat Richter den Platz der farbigen Quadrate in den einzelnen Scheiben festgelegt. Allerdings soll Kardinal Meißner das Kunstwerk von Richter als "Lappenfenster" missbilligt haben.

Zum Abschluss habe ich im Dom für meinen Ur-Ur-Großvater eine Kerze entzündet. Weil er damals sicher unter horrenden Bedingungen (Stichwort Arbeitsschutz) daran mitgewerkelt hat, dass diese Kirche endlich fertig geworden ist. Und auf diese kleine Ameise unter den vielen Hundert Arbeitsameisen ist meine Familie heute noch stolz.