Mittwoch, Oktober 06, 2004

ebay - Komisches Drama in drei Akten

Kennen Sie eBay? Die im Fernsehen so nett mit "3, 2, 1, meins" werben. Hatte heute ein grandioses deja vu mit dieser Online-Plattform. Warum? Dafür muss ich etwas ausholen und in meine nähere Vergangenheit zurückkehren. Zum 14. März 2003, einem Freitag. Da begann der erste Akt. 

Als mich morgens um 7.00 Uhr ein Typ, nennen wir ihn mal Traktor-Peter, ziemlich erbost per Telefon aus dem Bett holte und fragte, wann ich endlich das Geld fürs Motorrad überweisen werde. Nach überraschtem Hin- und Her wurde klar, dass ein Spassvogel mit gefakten Nick und einer E-Mail Adresse bei einem Freemail-Anbieter bei eBay mit meiner Postadresse mitgeboten hatte. Ich war - ohne es auch nur entferntest zu ahnen - über Nacht stolze Besitzerin einer kanariengelben Cagiva Mito 2 geworden. Für satte 3400.- Euro. Nachdem sich mein Adrenalinpegel wieder im kontrollierten Bereich bewegte, hab ich mich bei eBay per E-Mail über den Identitätsmissbrauch beschwert. Und bin nach Feierabend zur Polizeiwache 5 in der Hanauer Landstrasse gegangen, um auch im realen Leben Anzeige zu erstatten. 

Die beiden Polizisten dort reagierten echt knuffig und haben mich wie folgt belehrt:

  1.  Da kein erkennbarer Schaden entstanden sei, könne ich auch keine Anzeige erstatten. 
  2. Meine Postadresse steht sicher in öffentlichen Verzeichnissen, wie z.B. einem Telefonbuch. Da könne man nix machen oder "Bekommen Sie keine Postwurfsendungen und fragen sich, woher der Ihre Adresse hat?" 
  3. Eigentlich hätten sie auch nicht wirklich Ahnung von der Materie, da ihre Wache nicht ans Internet angeschlossen sei und ihnen die Erfahrung fehle, ob solche Anzeigen wirklich Sinn machen. Sie seien schon seit fast 30 Jahren hier und würden sicher auch noch den Rest ihrer Dienstzeit ohne diesen elektronischen Kram absitzen.
  4. Wenn ich allerdings im hier und jetzt auf die Anzeige bestünde, müssten sie mich mindestens 1 1/2 Stunden vernehmen. Um zu begreifen, worum es sich konkret handelt. Bevor sie ein Protokoll verfassten, was ihr Vorgesetzter nicht verstünde.
  5. Noch besser sei allerdings, am nächsten Montag mit der Abteilung Wirtschaftskriminalität im Frankfurter Polizeipräsidium zu telefonieren. Die Kollegen dort könnten sicher besser beurteilen, ob so eine Anzeige angenommen würde. 

Zum Abschluss gab es dann den aufmunternden Ratschlag, dass Frauen, die sich in so dubiosen Welten rumtreiben, nicht wirklich wundern müssten, wenn ihnen so was passiert. Hallo? Ist das die Frage: „Wie kurz war gestern abend Ihr Rock, als Sie ins Internet gingen?“ 

Beim Hinausgehen überlege ich, ob ich von der Wache 5 mit meiner Digital nicht mal ein paar hübsche Fotos anfertige und den Laden samt Personal am Wochenende bei eBay zur Versteigerung anbiete. Aus pädagogischen Gründen.

Bei den Websozis bekomme ich Trost. Der Vorschlag, einfach mal auf die Adresse von Roland Koch 20.000 Euro für'n faules Ei zu bieten, erheitert mich. Ich liebe meine virtuelle Welten. Man sollte die Verdienste Roland Kochs für diesen gelungenen Beitrag zum Thema „Innere Sicherheit in Hessen“ doch irgendwie angemessen würdigen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, dass die Kriminalitäts-Statistik für Frankfurt Wachstumsraten von 12,5 Prozent für das Jahr 2003 verzeichnen würde. Möcht´ net wissen, wie viele Anzeigen durch kompetentes Polizei-Personal abgewimmelt wurden. 

Am 15. März meldet sich dann auch das eBay Germany Team mit salbungsvollen Worten: „Liebes eBay-Mitglied, vielen Dank fuer Ihre Mitteilung. Wir bedauern, erst jetzt auf Ihre Anfrage reagieren zu koennen. Leider verzoegert sich aufgrund einer derzeit hohen Anzahl von Anfragen deren Beantwortung. Bei den Reaktionen auf die schon beantworteten E-Mails haben wir festgestellt, dass sich bei vielen, die sich an uns gewandt hatten, die Beantwortung inzwischen erledigt hat. Sollte die von Ihnen gemeldete Problematik nach wie vor bestehen, moechten wir Sie bitten, uns nochmals eine kurze Mitteilung von Ihrer bei uns registrierten E-Mail-Adresse zu senden. Bitte nutzen Sie dazu die Antwortfunktion Ihres E-Mail-Programmes. Sie können aber auch selbst versuchen, noch einmal Kontakt mit Ihrem Handelspartner aufzunehmen und die Angelegenheit direkt zu klaeren. Hier koennen Sie die Adresse Ihres Handelspartners anfordern: http://blablabla.dll. Fuer den Fall, dass sich die Schwierigkeiten bereits geklaert haben, freuen wir uns fuer Sie und Ihren Handelspartner. Wir hoffen, Sie sehen uns nach, dass wir nicht - wie Sie es von uns gewohnt sind - sofort fuer Sie da waren. Wir wuenschen Ihnen weiterhin viel Spass beim Handel bei eBay und danken herzlich fuer Ihr Verstaendnis. Mit freundlichen Gruessen, Ihr eBay-Sicherheitsteam“

Lustiger Standardtext. Wusste gar nicht, dass eBay so ein relaxtes Verhältnis zum Thema Identitätsmissbrauch pflegt. Vielleicht erledigt sich vieles in diesem Leben einfach durch Aussitzen? Mein Glaube an den Rechtsstaat wurde am 17. März von der Kripo Frankfurt, Abt. Wirtschaftskriminalität dann doch wieder hergestellt. Ich konnte Anzeige erstatten, sogar per E-Mail. Die Jungs wollten den gesamten Schriftverkehr haben, da es um Betrug und mindestens mal Urkundenfälschung ginge.

Das Ende des ersten Aktes ist dann schnell erzählt. Im Juli 2003 habe ich von der Frankfurter Kripo Post bekommen. Der Typ, der die Cagiva für mich ersteigert hatte, wurde ermittelt. Im Dezember 2003 stellte die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach das Verfahren dann mit der Begründung ein, dass der gegen den Beschuldigten gerichtete Verdacht sich nicht bestätigt habe und kein Geständnis vorliege. Ein Tatnachweis sei unmöglich, weil Tatzeugen oder sonstige eindeutige Beweismittel fehlten.
Ich schenke es mir, Beschwerde einzulegen und denke "Hak´s ab". Denn für "Verlust von Lebensqualität" gibt es keinen Schadensersatz.