
Manchmal
führt eine Reise an einen Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein
scheint. Nida ist so ein Ort. Von Klaipėda setzt die Fähre zur Kurischen
Nehrung über. Schon auf dem Wasser verändert sich die Welt. Die Stadt bleibt
zurück, vor einem liegt ein schmaler Streifen Land zwischen Ostsee und
Kurischem Haff. Kiefernwälder, Sand und Dünen bestimmen die Landschaft. Der
Wind kommt vom Meer und scheint alles Überflüssige mitzunehmen. Nida, das
frühere Nidden, empfängt meine Cousinen und mich im Sommer 2016 beinahe
beiläufig. Blaue Häuser mit bunten Sommerblumen stehen zwischen Kiefern, kleine
Gärten duften nach Sommer. Es ist still. Vielleicht war es genau diese Ruhe,
die Thomas Mann hierherzog. Wobei meine Reise ursprünglich einen anderen Grund
hatte als der Besuch des Sommerhauses eines der bedeutendsten Erzähler des 20.
Jahrhunderts. Auf der Suche nach dem Schicksal des 1944 an der Memel gefallenen
kleinen Bruders meiner Oma interessierte mich von Tag zu Tag mehr das kleine baltische
Land an der Ostsee.

Der Film „Vaterland“,
der am 3. September in den deutschen Kinos startet, hat mich jetzt wieder an meinen
Besuch in Nida erinnert. Der Ort war für Thomas Mann, der 1929 mit dem
Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden war, ab 1930 für drei Sommer lang
der Ort des Rückzugs, weit entfernt von den politischen Erschütterungen seiner
Zeit. Heute ist das Haus ein Museum. Doch es wirkt nicht wie ein Denkmal, das
einen Schriftsteller auf einen Sockel hebt. Eher wie ein Fenster in vergangene
Sommer.
Man geht
durch die Räume und stellt sich vor, wie Thomas Mann hier gelesen und
geschrieben haben mag. Draußen das Haff, dahinter die Wälder und Dünen. Kein
Großstadtlärm, keine Termine, keine Verpflichtungen. Nur Wind, Wasser und
dieses eigentümliche Licht des Nordens. Vielleicht verändert sich der Blick auf
Thomas Mann, wenn man einmal an einem Ort steht, an dem der Schriftsteller selbst
den Blick schweifen ließ.

Aus seinem
Garten führt der Weg hinunter ans Wasser. Nida liegt zwischen den Elementen:
dem stillen Haff auf der einen und der offenen Ostsee auf der anderen Seite.
Dazwischen wandert der Sand. Die Kurische Nehrung ist eine Landschaft, die nie
ganz festgefügt wirkt. Der Wind verändert täglich die großen Wanderdünen. Wer
den Aufstieg wagt, wird oben mit einem weiten Blick belohnt: Haff und Ostsee,
Wald und Himmel, Sand und Horizont. Für einen Moment scheint Litauen hier ganz
ohne Grenzen zu sein, wobei der Zaun, den das kleine Land auf der Wanderdüne
von Russland trennt, nur durch mannshohe Büsche verdeckt ist.
Und
vielleicht versteht man an diesem Ort ein wenig besser, warum Thomas Mann
Nidden liebte. Es ist eine Landschaft, die nichts erklärt. Sie lässt den
Gedanken freien Lauf. Zumindest damals, im Sommer 2016, obwohl Russland zu
diesem Zeitpunkt schon die Krim überfallen hatte und die Litauer erneut mehr
als skeptisch auf ihren bedrohlich wirkenden Nachbarn im Osten blicken ließ.

In Nida
zählt an diesem Tag nur der Augenblick: ein Spaziergang durch den Kiefernwald,
der Geruch von Salz und Sand, das Licht auf dem Haff. Am Abend senkt sich die
Sonne über die Nehrung, und der Wind fährt durch die Gräser. Später geht es
zurück nach Klaipėda. Aber Nida bleibt. Thomas Mann suchte hier einst Abstand.
Wer heute sein Sommerhaus besucht, sucht vielleicht etwas anderes – und findet
doch etwas Ähnliches: einen Ort zum Innehalten. Und wenn am Ende nur ein Bild
bleibt, dann vielleicht dieses: das Thomas-Mann-Haus hoch über dem Haff,
dahinter der weite Himmel – und der Wind, der über die Dünen zieht und die Zeit
verweht.