Ein Newsroom, eine bevorstehende Landtagswahl und viele unbequeme Fragen: Bei einer exklusiven Fortbildungsreise nach Leipzig bekam der Frankfurter PresseClub am 19. August einen direkten Einblick in die Arbeit des Mitteldeutschen Rundfunks – und diskutierte mit Programmverantwortlichen und Journalisten über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Journalismus.
MDR-Unternehmenssprecher Michael Naumann und Torsten Renn (Referent HA Kommunikation und Dialog) begrüßten die Frankfurter Delegation um FPC-Schatzmeisterin Dr. Maria Mohr sehr herzlich auf dem Gelände des ehemaligen Leipziger Schlachthofs (bis 1989), wo der MDR heute in seinem modernen Medienhaus u. a. auch Informations- und Nachrichtenangebote produziert. Vom Areal mit Historie ging es direkt ins Herz der publizistischen Aktualität: den MDR-Newsroom. Dort zeigte MDR-Aktuell-Redakteurin und Moderatorin Julia Kastein, wie Nachrichtenformate heute produziert werden – trimedial, schnell und längst nicht mehr getrennt nach Fernsehen, Radio und Online. Anschließend wurde es politisch. Das Informationsgespräch mit Programmdirektor Halle/Leipzig Boris Lochthofen drehte sich um eine Frage, die den MDR aktuell mehr denn je beschäftigt: Wie kann man unabhängig über eine Landtagswahl berichten, wenn die eigene Existenz zum Wahlkampfthema wird? so der Medienmanager, der 1994 als freier Journalist bei der Frankfurter Rundschau gestartet ist und im Frühjahr 2026 zum Programmdirektor Halle/Leipzig berufen wurde.
Knallharte Symbolpolitik: Der MDR als Wahlkampfthema
Denn in Sachsen-Anhalt wird am 6. September ein neuer
Landtag gewählt. Und die AfD hat angekündigt, im Falle der Regierungsübernahme,
sämtliche Medienstaatsverträge, darunter den MDR-Staatsvertrag, zu kündigen. Eine solche Kündigung ist zwar grundsätzlich
möglich, würde wegen der zweijährigen Frist aber frühestens Ende 2028 wirksam
werden. Für Boris Lochthofen ist das eine grundlegend neue Situation: „Es ist
Politik aus einer destruktiven Logik.“ Für den MDR sei es neu, „auf der
politischen Speisekarte einer Partei“ zu stehen. Trotzdem gelte für sein Team:
„Wir haben die journalistische Pflicht, auch darüber neutral zu berichten.“
Deshalb setze das Medienunternehmen auf Interviews, Analysen, Faktenchecks und
unterschiedliche Perspektiven. Sollte Sachsen-Anhalt den MDR-Staatsvertrag
wirksam kündigen, würden nach Ablauf der Kündigungsfrist insbesondere die
speziell für Sachsen-Anhalt produzierten Landesangebote in ihrer bisherigen
Form entfallen, d.h. Angebote wie „Sachsen-Anhalt heute“ oder das
Landesradioprogramm sowie regionale Kultur- und Veranstaltungsformate könnten
in ihrer bisherigen Form ab 2029 nicht fortgeführt werden. Lochthofen sieht in
den regionalen Formaten gerade eine zentrale Aufgabe des MDR: gesellschaftliche
Frustration, wirtschaftliche Probleme und die Folgen des demografischen Wandels
in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssten journalistisch aufgearbeitet
werden, ohne sie zu dramatisieren.
Zuhören mit „MDRfragt“
Wie der MDR versucht, sein Publikum stärker einzubeziehen,
zeigt das Beispiel MDRfragt. Knapp 70.000 Menschen haben sich inzwischen
in der MDR-Community registriert, um regelmäßig ihre Meinung zu politischen und
gesellschaftlichen Themen abzugeben. Die Befragungen sind zwar nicht
repräsentativ, werden aber wissenschaftlich begleitet und statistisch nach
Kriterien wie Alter, Bildung und Geschlecht gewichtet. Damit versucht der MDR,
eine zentrale Vertrauensfrage des digitalen Zeitalters zu beantworten: Wie kann
ein öffentlich-rechtlicher Sender mit seinem Publikum in Kontakt bleiben, wenn
sich ein immer größerer Teil der gesellschaftlichen Debatte auf Plattformen
außerhalb klassischer Medien abspielt?
Fake-Videos im MDR-Look
Wie real die Gefahr von Desinformation inzwischen ist,
schilderte Michael Naumann am Beispiel der Kampagne „Matrjoschka“. Dabei
kursieren in den Sozialen Medien manipulierte und teilweise KI-generierte
Videos, die mit den Logos und dem Erscheinungsbild etablierter Medien wie MDR
und F.A.Z. arbeiten, um die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang verwies Naumann auch
auf die Position des MDR. MDR-Chefredakteurin Christin Bohmann hatte erklärt:
„Die Fälschung journalistischer Marken und die Verbreitung von Desinformation
sind Angriffe auf die Glaubwürdigkeit freier Medien.“ „Nach
Recherchen des MDR wurden seit Ende Juli 338 solcher Posts erfasst;
Sicherheitsbehörden rechnen die Beiträge einer Kampagne zu, die darauf abzielt,
die öffentliche Meinungsbildung vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt negativ
zu beeinflussen.
Wenn Aufmerksamkeit wichtiger wird als Wahrheit
Damit war die Diskussion bei einem der größten Probleme
moderner Medien angekommen: der algorithmischen Bevorteilung von
polarisierenden, empörenden und zugespitzten Inhalten auf Social Media. „Wir
müssen uns abhärten“ forderte Lochthofen, denn „es gibt keine kritikfreie
Publizistik.“ Es gebe auch keinen konstruktiven Journalismus. „Es gibt nur
Journalismus“, so der Medienmanager. Für den MDR bedeute das: die Fakten in der
Berichterstattung müssten stimmen. Deshalb sei für ihn das Thema
„Einzelfallkritik“ wichtig. Denn jeder singuläre Fehler werde in sozialen
Netzwerken zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Debatte um Glaubwürdigkeit
und Vertrauen hochstilisiert.
Ein Medienunternehmen unter Druck – und mitten im Wandel
Der MDR steht exemplarisch für eine Medienwelt, in der sich
mehrere Krisen überlagern: Legitimationsdruck, Einsparnotwendigkeiten, veränderte
Mediennutzung, politische Angriffe und eine digitale Öffentlichkeit, in der
Wahrheit und Fälschung immer schwerer auseinanderzuhalten sind. Gerade deshalb
war der Blick hinter die Kulissen des MDR sehr aufschlussreich. Oder wie Boris
Lochthofen zum Abschied sagte: „Die steigenden Zahlen auch in den anderen
Bundesländern zeigen, wir hier im Osten sind der gesamten Bundesrepublik vermutlich
lediglich einen Wahlzyklus voraus.“







