Über Gewalt gegen Frauen, religiöse Tabus und das Schweigen der Gesellschaft
Text: Petra Tursky-Hartmann/Michaela Schmehl, Fotos: Petra Tursky-Hartmann
Sie berichtet über Themen, über die viele lieber nicht
sprechen: patriarchale Familienstrukturen, Zwangsheirat, religiösen Druck und
Gewalt gegen Frauen. Die Journalistin Ninve Ermagan gewährt Einblicke in
Lebenswelten, die Außenstehenden häufig verschlossen bleiben. Beim Clubabend
des Frankfurter PresseClubs am 19. September 2026 spricht sie über ihre
persönliche Motivation, die Grenzen journalistischer Verantwortung und den
Preis, den es kosten kann, unbequeme Wahrheiten öffentlich zu machen.
„Wenn du etwas ändern willst, musst du Journalistin werden.“
Diesen Satz ihres Onkels hat Ninve Ermagan nicht vergessen. Er wurde zum
Kompass für eine junge Frau, die Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen
wollte. Schon als Jugendliche beschäftigte sie sich mit der Lage religiöser
Minderheiten im Nahen Osten. Sie erlebte, wie der sogenannte Islamische Staat
Menschen brutal ermordete, und fragte sich, warum ihnen solches Unrecht
widerfuhr. Aus dem Wunsch, genauer hinzusehen und Zusammenhänge sichtbar zu
machen, wurde eine journalistische Haltung.
Die 28-jährige Historikerin und
Politikwissenschaftlerin mit assyrischen Wurzeln arbeitet heute als freie
Journalistin für ZDF und ARD, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue
Zürcher Zeitung und den SPIEGEL. Das Medium Magazin hatte sie
im vergangenen Jahr als eine der besten „30 Journalistinnen unter 30“ ausgezeichnet.
Beim Clubabend des Frankfurter PresseClubs sprach sie mit dem
FPC-Vorstandsmitglied Michaela Schmehl über ihre Arbeit – und warum
manche ihrer Themen in der öffentlichen Debatte noch immer einen blinden Fleck
bilden.
Wie leben Frauen in streng religiösen Familien? Welche Regeln
bestimmen ihren Alltag? Was geschieht, wenn sie sich den Erwartungen ihrer
Angehörigen widersetzen? Ermagan recherchiert über patriarchale Rollenbilder,
den gesellschaftlichen Druck rund um Sexualität und Jungfräulichkeit, über
Zwangsheirat und sogenannte Ehrengewalt. Es sind Themen, bei denen persönliche
Schicksale, religiöse Traditionen und politische Auseinandersetzungen eng
miteinander verwoben sind. Die Kontrolle über weibliche Sexualität empfindet
sie als Machtinstrument. Allerdings beachte sie bei diesem speziellen Thema in
feministischen Kreisen eine gewisse Zurückhaltung. Die Auseinandersetzung mit
frauenfeindlichen Strukturen in bestimmten religiösen und migrantisch geprägten
Milieus sei leider unbequem, weil sie schnell mit Rassismusvorwürfen verbunden
werde. Zugleich werde die Debatte auch durch die AfD politisch vereinnahmt und
in eine rechte Ecke gedrängt. Das erschwere die sachliche Diskussion über die
Betroffenen und ihre Erfahrungen.
Vertrauen ist die Grundlage jeder Recherche
Wie gelangt eine Journalistin in Lebenswelten, in denen
Frauen selbst gegenüber Außenstehenden kaum über ihre Erfahrungen sprechen
können? Persönliche Beziehungen können Türen öffnen, die für andere
verschlossen bleiben. Doch Nähe allein genüge nicht. Die Frauen müssen darauf
vertrauen können, dass ihre Geschichten sie nicht zusätzlich gefährden. Bei
Recherchen über sogenannte Ehrenmorde und Zwangsheiraten ist der Schutz der
Protagonistinnen deshalb entscheidend. Namen und persönliche Angaben werden anonymisiert;
Städte und Altersangaben dürfen nicht genannt werden, solange Frauen dadurch
gefährdet werden, berichtet sie.
Aufklären statt Aktivismus
In sozialen Medien ist Ermagan nach eigener Aussage nicht aktiv. Sie wolle
aufklären, ohne sich in die Rolle einer Aktivistin zu begeben. Der Journalismus
ermögliche ihr Distanz, statt auf unmittelbare Empörung zu setzen. Doch
Reaktionen auf ihre Beiträge zeigen, wie scharf die Auseinandersetzungen
geführt werden.
In der Diskussion mit dem Publikum geht es auch um die Gefahr
der Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten. Wie lässt sich verhindern,
dass Berichte über patriarchale Gewalt zur pauschalen Verurteilung von
Migrantinnen und Migranten dienen? Ermagan sieht darin keinen Grund, auf eine
kritische Berichterstattung zu verzichten. „Es muss mir egal sein, Applaus von
der falschen Seite zu bekommen.“ Entscheidend sei für sie, sich nicht von der
Reaktion des Publikums abhängig zu machen, sondern journalistisch sauber zu
arbeiten. Ihre Themen seien migrationskritisch, sagt sie, weil die Probleme
existierten und benannt werden müssten.
„Meine Aufgabe ist, hinzuschauen“
Journalismus allein könne Verhältnisse nicht verändern. Aber als
Journalistin könne sie den Betroffenen eine Stimme geben, Tabus hinterfragen
und Fakten gegen ideologische Vereinnahmung setzen. Deshalb ist der Satz ihres
Onkels für sie gleichzeitig Auftrag: hinzuschauen, wenn andere wegsehen – und
die Geschichten der Menschen zu erzählen, die ansonsten kein Gehör finden.



